SPANNUNG

Abendbrot. Die Große (3) trinkt Milch aus ihrem Becher (Marke: Lillifee). Die Kleine (1) hat auch Milch, aber im falschen Gefäß. Sie will wie ihre Schwester aus einem Lillifee-Becher trinken. Für eine Einjährige ist wollen gleichbedeutend mit handeln, also greift sie ohne Rücksicht auf Verluste zu. Zwei konkurrierende Kinderhände an einem Becher randvoll mit Milch: Meine Frau und mich überfällt zeitgleich dasselbe innere Bild (in dem ein Milchsee und zwei Erwachsene vorkommen, die mit Lappen bewaffnet zwischen den Stühlen herum kriechen). Ich: „Hey hey hey!“ Meine Frau: „Laaangsam!“

Für Eltern von Einjährigen ist warnen gleichbedeutend mit eingreifen. Und schon befinden sich vier Hände am Becher: aus Norden und Süden, Westen und Osten strecken sich jetzt die Arme (zwei lange, zwei kurze) nach dem fetischisierten Trinkgefäß mit der bescheuerten Fee. Jeder zieht, und die vier Kraftvektoren gleichen sich aus. Der Becher verharrt regungslos über dem Brotkorb. Noch ist kein Tropfen verschüttet. Aber die Krisenintervention der Erwachsenen hat ihr eigenes Dilemma produziert: Wer jetzt loslässt, verschuldet das Überschwappen erst. Der Joker Neutralität ist verzockt.

Die einzige Möglichkeit, das Brot vor dem Milchbad zu retten, lautet: die auf den Becher ausgeübten Kräfte reduzieren – und zwar alle, nach und nach, zeitgleich. Das ist unwahrscheinlich, denn so vernünftig handeln Kinder nicht. Ehrlicher gesagt: So vernünftig handeln Menschen nicht (siehe gescheiterte Abrüstungsversuche im Kalten Krieg u.ä.).

Vier Arme sind in Spannung, aber der Becher bewegt sich nicht. Das ist noch kein Drama, aber es ist exakt die Situation vor dem Drama. Wie in einem Familienstück von Henrik Ibsen auf Seite 1: Ein alter Konflikt ruht, es geschieht aktuell kein Unglück. Frieden ist das trotzdem nicht. „Die mit Vorahnungen um die Auflösung derartiger Konflikte verbundene emotionale Aufregung nennt man Spannung“ (Wikipedia).

Damit das Drama ins Rollen kommt, würde Ibsen es jetzt an der Tür klingeln lassen. Also: Ding Dong. Gegen die Türklingel hat Lillifee keine Schnitte und zwei kreischende Kinder rennen zur Wohnungstür. Wenn das Drama herum ist, gibt es meist was zu wischen. Meist ist es Blut. In dieser Kolumne kommt nur Milch vor. Zum Glück. Oh, seht nur, Freunde: Lillifee zündet schon die Sterne am Nachthimmel an. Ich hol derweil mal ’nen Lappen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.