SO WAR ES. NICHT WAHR?

stbLesen Sie diese Kolumne schon länger? Wenn ja, dann erinnern Sie sich vielleicht dunkel an ein psycho-soziales Experiment, von dem ich Ihnen an dieser Stelle irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2014 erzählt habe. Den Namen der Studie habe ich vergessen, man müsste in der Kolumne von damals nachschauen.

Worum ging es nochmal? Forscher hatten gezeigt, dass es möglich ist, Menschen Ereignisse in die Erinnerung zu pflanzen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben. Den Probanden wurde erzählt, dass sie in ihrer Jugend diese oder jene Tat begangen hätten. Wenn die Probanden dann widersprachen, antworteten die Forscher mit der Vermutung, dass die Ereignisse vielleicht verdrängt worden seien – und zeichneten die Tat im wahren Sinne des Wortes vor deren innerem Auge nach.

„Erinnern Sie sich nicht, wie Sie damals, 2014, zu der Zeitung griffen, den Kulturteil aufschlugen und an der Kolumne hängen blieben mit der merkwürdigen Überschrift: Die Politik des Erinnerns? Wie Sie Ihren Kaffee beiseite stellten und über das Experiment staunten? Und sich plötzlich und nicht ohne Schockstarre fragten: Wie viel von meiner Vergangenheit ist tatsächlich geschehen? Und was ist nur das Produkt von Erzählungen, Bildern und Annahmen, die mir buchstäblich vorgeschrieben wurden? Die sich in mir unauflöslich mit der Wahrheit vermischt haben?“

Die Forscher luden die Probanden über mehrere Wochen zu regelmäßigen Sitzungen ein und wiederholten die Geschichte: „… wie Sie damals plötzlich und nicht ohne Schockstarre …?“ Mehr als die Hälfte der Teilnehmer fing mit der Zeit an, sich an einen Moment zu erinnern, der nie stattgefunden hatte. Die suggerierten Bilder verfestigten sich zu einer kleinen Erzählung im Kopf, die sich als gelebte Vergangenheit verkleidete. „Wissen Sie nicht mehr? Das Knistern des Zeitungspapiers, der Geruch des Kaffees und die merkwürdige Überschrift ‚Politik des Erinnerns?’“ Ist das nicht pure Evidenz?

Geschichte als Wissenschaft ist die Disziplin, die sich jetzt auf die Suche machen würde nach der Kolumne aus der zweiten Jahreshälfte 2014 mit der merkwürdigen Überschrift. Es gibt eben erinnerte Wahrheiten die wahrer sind als andere Wahrheiten. Und das Theater und die Kunst? Sie spinnen die feinen Fäden in die Vergangenheit, zum Geruch des Kaffees und zum Knistern des Papiers, zur Schockstarre im Angesicht der eigenen Manipulierbarkeit (damals, 2014). Sie erzählen davon, wie die Vorhänge im Haus der Erinnerung zugezogen werden können, wie es dann dunkel wird. Wie dadurch Platz geschaffen wird für neue Bilder. Und eine andere Vergangenheit.

Achtung.

Ursprünglich erschienen am 28. September 2016 in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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