SO ETWAS WIE EM-PATHIE

Zu meinen eistbndrücklichsten Kindheitserinnerungen gehört ein Fußballspieler namens Roger Milla. Ich habe fast noch den Wortlaut davon im Ohr, wie Millas Einwechslung im ersten Spiel der Nationalmannschaft Kameruns bei der WM 1990 kommentiert wurde. „Und jetzt kommt Roger Milla, ein ganz interessanter Mann.“ In der Tat, Milla war schon fast vierzig, seine Auszeichnung zum besten Spieler Afrikas lag 15 Jahre zurück, ihm eilte der Ruf der Trainingsfaulheit voraus – und dennoch schenkte er den Rumänen zwei Buden ein, im Achtelfinale gegen Kolumbien gelang ihm noch mal ein Doppelpack.

Mich faszinierte dieses doppelte Außenseitertum: wie der Opi des Turniers eine Mannschaft, die niemand auf dem Zettel hatte, ins Viertelfinale schoss. Das war ein echter Held für mich. Wenn mich nicht alles täuscht, sendete das ZDF damals auch Bilder von jubelnden Menschen in grünen Trikots, grün-rot-gelbe Fahnen gegen den hohen, blauen Himmel über Yaoundé. Ich zitterte mit der Mannschaft Kameruns und ihren Fans wie mit der deutschen.

Roger-Milla
Roger Milla 1990

Solidarität mit dem Underdog, Freude an der Freude der anderen, war das nicht immer ein zentrales Gefühlsgeschehen bei den großen Turnieren? Wer hat für dieses Drama des unwahrscheinlichen Aufstiegs keine heimliche Schwäche? Wenn aussichtslose Rückstände aufgeholt werden und Rumpeltruppen Millionenstars in die Knie zwingen (Island vs. Ronaldo), wenn ehemalige Kolonien ihren Besatzern eins überbraten oder vermeintlich „weiße“ Sportarten wie Bobfahren von Jamaikanern erobert werden (wer hat als Kind „Cool Runnings“ nicht fasziniert geguckt?).

Es gibt offensichtlich so etwas wie Empathie auch im Wettkampf der Nationen: die kindliche Freude an einem Mitfühlen, das die Fähigkeit besitzt, frei zwischen den Objekten der Identifikation zu wählen, zu mäandern, sich nicht an Territorien oder Sprache zu binden. Das ist die kostbare Freiheit der Parteinahme, die feine Lust an der unwahrscheinlichen Solidarität. Und die hat allemal mehr Schönheit, Poesie und politische Größe als der schweißtriefende, humorlose, mitunter sexistische, prügelnde und dennoch durchkommerzialisierte „Ich-bin-was-ich-bin-und-basta“-Nationalismus der laufenden Europameisterschaft, der nur die eigene Scheingröße feiert – und diese EM zu einer sehr elenden Veranstaltung macht, die nur noch durch einen Finaleinzug der Isländer zu retten wäre.

Ebenfalls am 22. Juni in den Dortmunder Ruhrnachrichten erschienen.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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