SELFIE MIT MONA LISA

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Das Museum „Louvre“ in Paris ist eine begehbare Cloud. Frankreich hat dort 5.000 Jahre Kulturgeschichte abgespeichert: 380.000 Malereien, Skulpturen und Graphiken auf 60.000 m². Superlativ! 10 Millionen Augenpaare jährlich lassen ihre Blicke rastlos über die Wände und durch die Säle schweifen. Und 10 Millionen Kameraaugen arbeiten an der unendlichen Vervielfältigung der Werke: Niemand, der im Louvre nicht fotografiert. Und fotografiert.

Selfie mit Mona Lisa. Familienaufstellung vor der „Felsengrottenmadonna“. Schatzi und „Der sterbende Sklave“. Die Besucher sind in erster Linie dort, um die Louvre-Cloud mit ihrer Foto-Cloud draußen im Server zu verknüpfen. 2016 bekommt man keinen Blick mehr auf Delacroix‘s „Die Freiheit auf den Barrikaden“, ohne einen Selfie-Stick ins Gesicht zu bekommen. Das Kunstwerk in Zeiten der technischen Überproduktion. Milliarden Bilder von den Bildern – Ausdruck der Hoffnung, den Augenblick einpacken zu können wie einen Gegenstand, um ihn in irgendeiner Zukunft ungestört zu konsumieren. Die Atmosphäre ist derartig unmuseal, gegen jede Kontemplation, dass ich selber rastlos mitfotografiere – um die hyperaktive Auslöschung des Jetzt ertragen zu können. Um das Museum der Superlative in die digitale Westentasche gestopft zu bekommen. Für später. Klick: Meine Töchter, 2 und 4 Jahre alt, vor „Amor und Psyche“. Und so weiter.

Aber Kinder, ja, Kinder, die sind vom Später noch nicht so verseucht. Wenn die Große sitzt, dann sitzt sie. Auf dem Hintern und in der Gegenwart. Vor ihr eine rote Kordel, dahinter an der Wand ein unbedeutendes Bild von einem gewissen Bernardino: „Salome empfängt den Kopf von Johannes dem Täufer“. Ich: „Umdrehen, Foto, lächeln!“ Sie starrt auf das Gemälde. Warum kommt Blut aus dem Hals? Ihre Augen bemerken unzählige Dinge. Zu wem gehört die Hand, die von rechts ins Bild kommt? Warum schaut Salome weg? Warum musste Johannes sterben? Warum ist Nacht?

Die anderen 379.999 Werke sind wie weggeblasen. Mit ihnen Tausend Kameraaugen, meins inklusive. In der Gegenwart ankommen, ihre Details zu sehen, zu befragen und dann wieder los zu lassen – das ist eine kindliche Kunst, aber es ist die höchste, die es gibt. Klick: Eine Kleinfamilie auf dem Fußboden des Louvre, fast eine halbe Stunde. Sie betrachtet und bespricht genau ein Bild.

Ursprünglich erschienen am 31. August 2016 in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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