PROTEST IM ZEITRAFFER

stbSamstag, 9 Uhr, mit Enthusiasmus los, Sonne, Himmel blau. Arabischer Bäcker: „Auch zur Demo? Gegen Faschisten? Möge Gott mit Euch sein.“ Inschallah! Treffpunkt vor dem Schauspielhaus, Kamerateam „Arte Tracks“, ein Silberwürfel voran, 70 Leute hinterher, via Schützenstraße, am Hafen Treffpunkt, 1000 Leute, Euphorie, Musik, Tempo und die Ahnung, dass Gruppengröße und Schlauheit sich umgekehrt proportional verhalten. Jemand fragt: „Hätte man klarer sagen müssen, dass es heute um zivilen Ungehorsam geht?“

Schon renne ich, ohne zu wissen wohin, neben mir joggt in Gruppen von 12 die behelmte Humorlosigkeit (es ist ihr Job, hier und heute humorlos zu sein), die Sonne brennt, Silberwürfel aufblasen im Dauerlauf, Sunderweg Ecke Treibstraße ist schon Schluss, Coitus Interuptus, 1000 im Polizei-Kessel, geraden noch positive Erregung ändert das Vorzeichen, gegenseitige Schuldzuweisungen, die 1000 zerfallen sofort in Kleingruppen, wütende oder verunsicherte Einzelne, schwarze Tücher vor Gesichtern, Wut auf Handy-Kameras (zu recht), drei Kinder im dritten Stock am offenen Fenster, Gesänge „Frontex, Polizei, Militär – Mörder im Mittelmeer.“

Silberwürfel fliegen über den Köpfen, zwei Spiegel-Barrikaden den Polizisten gegenüber, glänzend in der Sonne, Fotos davon sofort via Twitter,: „Ziviler Ungehorsam war selten schöner anzuschauen“ (100 Retweets), Pfefferspray, Schlagstöcke, in sich zusammenfallende Würfel, Pfiffe, Frust, gerötete Gesichter, tränende Augen, einzelne dürfen raus, zerschnittene Silberfolie in großen Haufen unter Bäumen, der Würfel-Erfinder: „Das ist illegal, Polizisten dürfen auf Demos keine Messer haben.“ Ab damit auf einen Hinterhof (später abholen).

Wie weiter? Schützenstraße dicht, Bahnhof dicht, unsere Gruppe wird kleiner, Kopfschmerzen, Hunger und wirklich überall Polizei, die weiter daran arbeitet, die Demonstrierenden zu zersplittern (ganze Arbeit!). Ich setz mich ab, Enttäuschung, Scham, Unsicherheit, Pizza Diaboli und Flucht ins Twitter-Land. Da lande ich immer, wenn die Gefühle außer Kontrolle geraten, die Angst aufsteigt, mangelnder Überblick kompensiert werden muss (Twitter, du Phantasma der totalen Information). Beruhigung. Die Bilder von heute sind gut, wenigstens sind die Bilder gut.

Aber reicht das? Wie immer geht der Kampf um die Deutungshoheit los, sobald der erste Schlagstock niedergegangen ist. Was war das jetzt? Kunst? Protest? Zu symbolisch? Zu militant? Überhaupt zu „irgendwas“? Wer hat zuerst gezuckt? Wer ist der beste Anti-Faschist im Land? Wer schützt wen vor wem und warum? Wer ist der Dumme? „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ Seit vielen Jahren reproduziert sich dieser Diskurs, ins Endlose. Diesmal flogen 100 silberne Würfel mit, nur keinen Faschisten ins Gesicht. Die Würfel haben sich erst in die Sichtlinien zwischen der Polizei und BlockaDO geschummelt (dafür mussten sie büßen), dann auf fast jedes Bild, das irgendwo zum Geschehen veröffentlicht wird. Ob das was ändert? Keine Ahnung. Nachdenken drüber ist sicher keine schlechte Idee. Für die Zukunft und ähnliches!

Ebenfalls am 8. Juni in den Dortmunder Ruhrnachrichten erschienenen.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

3 Gedanken zu „PROTEST IM ZEITRAFFER

  1. Ich möchte Ihnen gern einen Kommentar/Text senden, aber zunächst nur Ihnen.
    Deshalb bitte ich um Kontaktaufnahme.
    Ich bin Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, 75 Jahre alt, Journalist

  2. An Herrn Alexander Kerlin

    Betreff: Angebot exclusiv

    Mit freundlichen Grüßen überreicht von Ulli Sander

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    Ulrich Sander – Die Zukunft der Nazis – Drama in drei Akten

    1.Akt: Konferenz der Innenminister. Es werden Berichte von den Gesprächen mit der Verteidigungsministerin und dem Außenminister über die verfassungsmäßige Rolle der Bundeswehr und der Polizei entgegengenommen. Das Grundgesetz soll nicht geändert werden, aber alles wird anders: Polizei militärischer, Bundeswehr polizeilicher. Beide Truppen werden aufgerüstet. Man spricht über die Innere Sicherheit vor dem Hintergrund der Naziaufmärsche. Deren Rechte seien durch die Verfassung geschützt; Artikel 139 GG wird unbeachtet gelassen. (Die Innenminister von Bayern und NRW berichten über ihr Vorgehen gegen die Verbreitung der Losung „Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen“.) Der Tag der Zukunft der Nazis am 4. Juni in Dortmund wird von allen Ländern mit Polizei und Waffen (Helikopter, Panzerwagen usw) unterstützt. Man geht von der Möglichkeit aus, dass es nicht zum NPD-Verbot kommt und dass die AfD regierungsfähig wird. Dazu passen keine heutigen Verbote von Naziaktivitäten. Das Vorgehen gegen die Nazigegner muss begründet werden. Wie? Mit der Gleichsetzung von rechts und links, bei stärkerer Darstellung der Gefahren von Links. Frage: Und wenn keine Begründungen geliefert werden? Dann werden wir Vorwände schaffen. (Es gibt ja noch immer die V-Leute.)

    2.Akt: Treffen im Kommandozentrum des Heimatschutzes in Dortmund, Stadthaus. Es wird beschlossen, zum 4. Juni nicht mehr hier zu tagen, sondern die gesamte Leitung dem Polizeipräsidenten zu übertragen. Dieser lässt die Sache so ablaufen, wie auf der Innenministerkonferenz beschlossen. Maßnahmen gegen die Nazis kommen nicht in Frage, Maßnahmen gegen die Bevölkerung (die bis 5 Minuten vor 12 nicht in Kenntnis gesetzt wird) müssen mit Rechts-Links-Gleichsetzungen und bevorstehenden brennenden Barrikaden begründet werden. Der Oberbürgermeister stimmt nach Zögern zu. Es wird berichtet, dass auf Pressekonferenzen solche Leute auftreten, die den Menschen den Linkenschreck in die Glieder jagen. Der anwesende Chefredakteur berichtet von entsprechenden Plänen, sogar die Kinderseite der Zeitung wird mit Berichten über böse Linke vollgeschrieben werden. Der anwesende Oberstleutnant aus dem Ministerium berichtet, dass der Reservistenverband bereit steht, aber nur im äußersten Notfall eingreift.

    3.Akt: Auf dem Schauplatz sind am Nazi-Tag „der deutschen Zukunft“ erschienen: 900 Nazi und 6000 Polizisten aus ganz Deutschland, die gegen 3000 etablierte und gewerkschaftliche Demonstranten, 2000 von „BlockaDO“, rund 100 Künstler mit „Spiegelwürfeln“ für friedliche Blockaden und tausende Platzbesetzer antreten. Die Polizei erscheint erstmals mit Bergepanzern, Hubschraubern, Unmengen von Tränengas und nicht erkennbarer weiterer Bewaffnung. Die etablierten Kräfte um den Oberbürgermeister und um Kirchenvertreter vertreten zwar eine provinzielle Kirchtumspolitik nach dem Motto: Nazis raus, überall hin, aber nicht bei uns. Mit dieser falschen Position geraten die Etablierten aber noch nicht auf die Seite der militarisierten Polizei und der Nazis! Dies auch dann, wenn sie der de facto Übung der „zivil-militärischen Zusammenarbeit“ Respekt zollen. Ihre Losung „Bunt statt Braun“ ist dennoch eine Losung der Vernunft und der Menschlichkeit. Während des ganzen Tages stehen OB und PP und dieser mit dem Innenminister in Kontakt. Der OB akzeptiert seine subalterne Rolle, lobt Polizei und Bürger gleichermaßen, hetzt gegen Reisekader. Die Nazis setzen sich durch, lachen sich kaputt über die „Auflagen“ der Polizei, indem sie die Auflagen, bestimmte Losungen nicht zu verwenden, immer wieder vorlesen; damit betonen sie diese Losungen in besonderem Maße. Die Polizei schreitet nicht ein. Sie wird am Abend die Bilanz ziehen: Unser Konzept war richtig. Die linke Gewalt war bedrohlich. Dies obwohl nur drei Polizisten (laut Westf. Rundschau) verletzt wurden (zwei mittels eigenem Tränengas), bzw. 12 laut Ruhrnachrichten. Die Zahl der Festnahmen ist so gering, dass sie nicht veröffentlicht wird; nicht veröffentlicht wird die Zahl der verletzten Demonstranten, denn die ist beträchtlich. Der Vorhang senkt sich; man verbeugt sich vor dem Publikum. Einer sagt: Ach, wie haben wir Euch mal wieder eingewickelt.

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