OTTER UND DACHS

Meine Töchter haben kürzlich von Opa und Oma zwei Kuscheltiere geschenkt bekommen: einen kleinen Otter und einen kleinen Dachs. Die neunmalkluge Dreijährige hatte sofort zwei super Rufnamen parat – und zwar „Otter“ und „Dachs“. Mit dem Dreh, dass der kleine Otter nun Dachs und der kleine Dachs nun Otter heißen sollte. Entscheidungen dieser Art zweifelt man nicht an. Getauft ist getauft. Jedoch: Wir haben es mit einer verzwickten Überkreuzung von Gattungs- und Eigennamen zu tun, die durch die Angewohnheit im Pott, Eigennamen mit bestimmten Artikeln (der oder die) zu versehen, noch verkompliziert wird.

Wenn meine Tochter etwa fragt: „Wo ist der Otter?“, dann könnte sowohl der Otter mit Namen Dachs als auch der Dachs mit Namen Otter gemeint sein. Wie man hier halt auch fragt: „Wo is’ der Kalle?“. In meiner ersten Heimat Niedersachsen würde sich das Problem so nicht stellen. Wenn dort ein Otter gemeint ist, der Dachs heißt, würde man entweder fragen: „Wo ist Dachs?“ oder „Wo ist der Otter?“, womit dann automatisch nicht der Dachs gemeint sein kann, der Otter heißt, weil man in seinem Fall entweder „Wo ist Otter?“ oder „Wo ist der Dachs?“ fragen würde.

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Ein Eigenname grenzt uns von den anderen ab, ein Gattungsname knüpft das Band zu einer Sippe. Der Dachs mit Namen Otter ist wie andere Dachse auch ein Dachs, aber ein ganz besonderer, nämlich der Dachs Otter. Der Otter mit Namen Dachs ist wie andere Otter auch ein Otter, aber nicht irgendein Otter, sondern der Otter Dachs.

Ein Otter ohne Eigennamen? Wäre frei zum Abschuss oder eine Ware im Regal. Ein Ding namens Dachs, ohne jede Beschaffenheit? Ein unlösbares Problem für die Vorstellung oder ein Sujet für Kafka. Abgrenzung und Zugehörigkeit, symbolisiert im Vor- und Zunamen, sind unverzichtbar für ein glückliches Leben.

In der Welt von Dreijährigen ist alles Theater oder Karneval. Rollentausch vollzieht sich im Sekundentakt. Und wie immer merkt man auch hier: Wo das Spiel in die sogenannte Realität einbricht, wird’s für das Denken ernst. Sehen Sie heute im Kostüm von Dachs, dem Otter: Otter, den Dachs. Und in der Rolle von Otter, dem Dachs: Dachs, den Otter. Nicht irgendwen! Den Otter Dachs. Und den Dachs Otter. Die zwei alten Originale.

 

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Veröffentlicht am 28. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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