LIEBES JAHR 2015

Dialog am Frühstückstisch. Meine Frau: „Hast du gute Vorsätze für das neue Jahr?“ Ich: „Interessant. Genau zu dieser Frage wollte ich mein Sterntagebuch schreiben. Ich finde gute Vorsätze bescheuert.“ „Warum? Sie sind das einzig wirklich Sinnvolle an Silvester.“ „Aber wozu sollte ich mir vom Kalender diktieren lassen, wann ich mein Leben ändern will? Ich kann mir Vorsätze auch zum 21. Mai machen. Oder einfach gar nicht. Als ob das Leben nicht von allein genug Druck auf die Menschen ausübt.“ „Hast du wirklich keinem einzigen guten Vorsatz?“

Also schön. Liebes Jahr 2015. Noch bevor du angebrochen bist, werde ich mir entgegen aller guten Vorsätze ein paar Vorsätze machen. Ob sie auch gut sind, wer unter der Sonne vermag das schon zu beurteilen. Zum Beispiel werde ich mir immer die Schleife aufbinden, bevor ich die Schuhe ausziehe. Ich werde die Schranktüren in der Küche zuklappen, nachdem ich mir etwas genommen habe. Ich werde meine Wollpullover besser behandeln. Ich werde mal wieder einen Roman vom ersten bis zum letzten Satz lesen. Ich werde öfter zum Fußballtraining gehen. Ich werde mehr Rap hören. Ich werde endlich James Joyces Ulysses lesen und es mir großmütig verzeihen, wenn ich doch wieder nicht weit komme.

Sobald du angebrochen bist, werde ich für mein kreatives Pensum weniger am Schreibtisch hocken und dafür mehr spazieren gehen. Ich werde mich mit Menschen unterhalten und auf die Kneipe als Katalysator für Ideen setzen. Ich werde dreißig ungewöhnliche Tier- und Pflanzennamen auswendig lernen und fünfzig Leute mobilisieren, um am 18. Januar zur Demo gegen den HoGeSa-Aufmarsch in Essen zu fahren. Ich werde nicht ausruhen, bevor mein Elektra-Stück für die Premiere am 7. Februar nicht das bestmögliche ist. Ich werde diesen Flachpfeifen vom Bund der Steuerzahler aus unserem Arbeitsalltag erzählen und aus dem Spielplan vorlesen, damit sie sich für ihr Gutachten über zu hohe Bezuschussung in Grund und Boden schämen.

Sobald du angebrochen bist, werde ich dich gern haben. Ich werde meine besten Träume aufschreiben. Ich werde nicht mehr so viele Sätze mit „Ich werde“ beginnen. Ich werde glücklicher werden. Ich werde mehr werden und weniger sein, dafür weniger wollen und mehr tun. Ich werde allen ein frohes neues Jahr wünschen, wenn es soweit ist, und mit Freude daran denken, wie ich allen einen guten Rutsch gewünscht habe, als es noch nicht soweit war. 2015 wird gut. Sie werden ins Theater gegangen und dabei glücklich gewesen sein. Vorsätzlich. Und ich? Werde mir keine Vorsätze mehr machen.

Veröffentlicht am 31. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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