KLEINER BRAUNER FLECK

stbÜber unserem Küchentisch hängt eine Weltkarte, schön in Pastellfarben. Wenn die Kinder fragen, in welchem Land wir leben, antworten meine Frau und ich, der Wahrheit entsprechend: „Seht nur, in dem kleinen, braunen dort.“ In der Tat: Australien ist gelb, USA pink, China grün. Aber der kleine, braune Fleck: Deutschland.

Seit Sonntag gerät die eigene Ironie ins Stocken, zu Scherzen bin ich weniger aufgelegt. Da hat jeder vierte Wähler in Sachsen-Anhalt sein Kreuzchen bei einer Partei gemacht, die u.a. abschaffen will, was auch mein Lebensunterhalt ist: Die Kunstfreiheit. Im AFD-Wahlprogramm (Sachsen-Anhalt) steht, dass Theater von nun an „klassische deutsche Stücke (…) so inszenieren sollen, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Der Skandal daran ist nicht nur die ekelhafte und von Unkenntnis triefende Phantasie eines völkisch-deutschtümelnden Theaterstadels, sondern das „sollen“ selbst.

Zur Erinnerung: Die Kunstfreiheit ist ein Abwehrrecht des Bürgers gegen den Staat, verankert im Grundgesetz in Artikel 5, Absatz 3. Die Grundrechte wurden als direkte Antwort auf die Erfahrungen im Nationalsozialismus formuliert, als u.a. nicht konforme Künstler verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.

Szenenwechsel: Hannover, Dezember 2015. Premiere: „Der Freischütz“, Deutschlands sogenannte „Nationaloper“, Regie Kay Voges. Die Inszenierung arbeitet gegen jede mythische Verherrlichung der Nation. Kein Wald, kein geordnetes Schießen, Marschieren oder Rumtata. Stattdessen die inneren Widersprüche eines kleinen, braunen Fleckens auf der Landkarte, der nach Orientierung sucht. Das hält nicht jeder aus. Im Foyer pöbelt eine Dame im Pelz: „Das ist entartete Kunst. Aber überall sammeln sich schon die Mutigen. Und wenn sie an der Macht sind, wird es für so etwas keine Subventionen mehr geben.“

„Entartete Kunst?“ Waren solche Worte nicht längst in die Geschichtsbücher verbannt, und erst recht aus den Theaterfoyers? Dieses fahrlässige Sprechen ist keine Alternative, es ist der Anfang vom Ende des Grundgesetzes. Nichts weniger. Wer die Freiheit der Kunst angreift, greift alles an: Demokratie, Meinungsfreiheit, freie Wissenschaft.

Erschienen in den Ruhrnachrichten. Foto vom Autor.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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