AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“

stbWer zuviel trinkt, findet Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Wer zuviel arbeitet, geht zu den Anonymen Arbeitssüchtigen. Wer kein Bock mehr darauf hat, ein Neonazi zu sein, wendet sich an Initiativen wie „Exit Deutschland“. Oder du bist gewaltbereiter Salafist? Versuch es mal mit dem Projekt „Wegweiser“. Willst du aus der linksextremen Szene raus? Für dich bietet der Verfassungsschutz Aussteiger-Programme an.

Nun gibt es eine neue Initiative für Menschen, die eigentlich auf dem Radar der Hilfebedürftigkeit nicht auftauchen. Sie heißt „Intelexit“ und richtet sich an Mitarbeiter von Geheimdiensten wie dem Bundesnachrichtendienst, der NSA oder dem britischen GCHQ. „Diese Menschen“, so die Wiener Psychologin Angelika Schneider in einem Informationsvideo von „Intelexit“, „leiden unter dem, was wir Kognitive Dissonanz nennen.“ Darunter versteht man den Leidensdruck von Menschen, die ständig gezwungen sind, Dinge zu tun, die ihren Werten zuwider sind.

Da gibt es krasse Fälle, wie etwa den des US-Drohenpiloten Brandon Bryant, der während seines Dienstes für die US-Luftwaffe 1626 Menschen tötete, gegen zahllose innere Widerstände – bevor er kündigte und in der Öffentlichkeit über sein posttraumatisches Belastungssyndrom zu sprechen begann.

Aber auch Mitarbeiter, die nicht an vorderer Front kämpfen können in diesen Zwiespalt geraten. Viele von ihnen sind einmal angetreten, die Demokratie und die Freiheit zu schützen. Auch in Deutschland. Nun müssen sie feststellen, dass sie in ihrer täglichen Arbeit das Gegenteil tun. Es fliegt zwar nur einer die Drohne, aber ein zweiter feuerte die Rakete (Peng!), ein dritter überwacht den Prozess, ein vierter übermittelte die entscheidende Information, ein fünfter besorgt sie – und so weiter. Wie verhält es sich da mit der Schuld?

„Wenn Menschen die Wahrheit erkennen, dass sie Komplizen sind im Ausspähen unschuldiger Leute, sind sie am Boden zerstört“, sagt der Geheimdienst-Experte Bruce Schneier in demselben Video. Seelisch zerstörte Spione? Auf der Website der Initiative heißt es: „Intelexit ist die gesellschaftliche Antwort auf undemokratische Vorgehensweisen der Nachrichtendienste.“ Der ehemalige Stasi-Offizier Walter Eichner im Video dazu: „Ich hatte damals keine Hilfe. Der Intelexit-Verein ist wirklich eine gute Sache.“

Klingt alles abstrus? Wie ein Theaterprojekt? Oder doch realer als die Realität? Hat das ganze Zukunft? Und was hat das eigentlich alles mit dem Schauspiel Dortmund zu tun? Schauen Sie mal rein. Erkennen Sie wen (Zwinker! Smile!)?

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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