IM INNERN DER SPRACHE

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Meine Tochter ist knapp eineinhalb Jahre alt, und seit einigen Monaten fallen ihr die ersten sinnvollen Silben aus dem Mund. Jeder neue Konsonant ist ein Kraftakt. Das erste Wort war Ball, inzwischen gehen auch ein paar wichtige Befehle: „Appetit!“, „Runter!“ und „Tür auf!“

Der Vorteil für meine Tochter ist Effizienz. Die Eltern raten nicht mehr hilflos herum: weniger Geschrei, schnellerer Erfolg! Sprechen zu können, erleichtert das Verhältnis zur Dingwelt und schont den Gefühlshaushalt. Kasper Hauser hatte Angst, als er einen Sonnenuntergang sah – doch als er das Wort dafür lernte, bekam er sie in den Griff.  Was mir bei meiner Tochter aufgefallen ist: Wörter werden am besten gelernt in einer Mischung aus Erfahrung an der Dingwelt und dem Erkennen von Abbildern. Einen Baum anfassen + ein Bild von einem Baum im Buch erkennen = Wort nachhaltig verstanden.  Das Bild wird wohl gebraucht, um das „Allgemeine“ an einem Wort zu verstehen – d.h. das eine Wort auf jeden Baum anwenden zu können.

Wenn das Bild ebenso wichtig für das Erlernen eines Wortes ist wie das gemeinte Ding, was heißt das für den Charakter von Sprache? Ist Sprache wirklich eine weit geöffnete Tür zur Realität, die ihre Befehle entgegennimmt? Gründet unsere Fähigkeit zu Sprechen nicht auch darauf, dass im Innern der Sprache eine Bühne aufgebaut ist, auf der die Dinge „nicht ganz als sie selbst“ erscheinen? Auf der sie Farce, Tragödie, Drama spielen? Unsere Kommunikation, die uns Zugang zur Welt, Objektivität und Effizienz verspricht, wäre dann ein permanentes Theaterspiel an der Grenze von Wahrheit und Täuschung. Und zwar überall, wo je geschrieben und gesprochen wurde.

Menschenwelt ist Sprechtheater! Wittgenstein sagte, der Mensch hole sich „Beulen beim Anrennen an die Grenzen der Sprache“. Wo die Dingwelt kompliziert und Sprache unscharf wird, tut’s weh. Man kann die Sprache dafür aber auch lieben: Dinge und Worte sind nie ganz versöhnt, weshalb wir immer ein bisschen Kasper Hauser bleiben. Und um jeden neuen Konsonant ringen und weiter Theater spielen werden.

PS (Geheimbotschaft): Freitag, 19 Uhr, HMKV im Dortmunder U, Vernissage „His Master’s Voice – Von Stimme und Sprache“ – mit Gästen aus dem Schauspielhaus … ?

 

Veröffentlicht am 20. März 2013 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.