GRENZENLOSER EINBLICK

stbIch weiß nicht, vielleicht ist das eine masochistische Ader von mir. Ich lese obsessiv die Facebook-Seiten der politisch ganz Rechten. Ich verzweifle dabei – aber ich tu es. So fand ich mich schon kurz nach den Paris-Anschlägen auf der Seite von Pegida. Um in der Annahme bestätigt zu werden, dass der islamistische Terror dort sofort mit dem Schicksal der Geflüchteten in einen Kausalzusammenhang gebracht wird, der aus einer großen Mehrzahl von Opfern Täter macht.

Facebook hat ein überragendes Gedächtnis. Aber es weiß nicht, mit welcher Haltung jemand liest – kritisch oder bejahend. Es weiß nur: den interessiert Pegida, und die Algorithmen laufen dann automatisch. In meiner Timeline tauchen derzeit vermehrt „gesponserte Beiträge“ (sprich: Werbung) vom rechten Rand auf, z.B. von GDD („Gegen die Destabilisierung Deutschlands“) oder von der „European Defence League“. Letztere griffen mich kürzlich mit einem Video an, das wahllos Bilder von rennenden, dunklen Menschenmassen mit bedrohlicher Musik kombiniert und weiße Menschen zeigt, die dazu schluchzen: „Sie drangen in mein Haus ein und nahmen mir alles.“

Die Mittel der Propaganda sind hier leicht zu durchschauen. Trotzdem kann so ein Clip, der gezielt an die Gefühle und das Vorbewusste appelliert, wirken wie schleichendes Gift. Es greift dort in den Gefühlshaushalt ein, wo der Ursprung der Angst sitzt. Umso gefährlicher ist das, weil derzeit eine beispiellose Verunsicherung darüber herrscht, welche Botschaft aus Netz und Presse nun wahr ist. Wem ist überhaupt noch zu trauen? Mein Budenbesitzer mit Blick auf seinen Zeitungsständer, wissend: „Alles Lügner, alles eine Bande.“

Die europäischen Aufklärer im 18. Jahrhundert glaubten, wer sich nur genug bildet, bekommt irgendwann das große Ganze in den Blick. Wie ein Turmwächter, der auf eine Landschaft sieht und sie in ihrer Gesamtheit versteht. Diese Idee des totalen Überblicks können wir uns heute abschminken. Das Ganze sieht keiner. An seine Stelle treten heute die Möglichkeiten grenzenlosen Einblicks: Stammtisch oder Dschihad – wir können live mitverfolgen, wie und wo die Radikalisierung geschieht. Soziale Medien sind (auch) Brandbeschleuniger.

Da sitzen wir nun vor den Endgeräten: Kein Halt und kein Überblick, dafür Einblicke in alle Brutstätten des Hasses. Keine schlechten Zutaten für Paranoia. Aber auch dafür steht ein Schauspielhaus mitten in Ihrer Stadt. Um gemeinsam und immer wieder von neuem diesem instabilen Ding auf die Schliche zu kommen, das sich Wahrheit schimpft. Kein Fußbreit der Paranoia!

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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