GRAUBEREICHE DES LEGALEN

stbWurde über die Causa Böhmermann schon genug gesagt? Ja. Und nein. Was man liest, ist viel Affekt und wenig Analyse. Es gibt etwas an dem Konflikt, der es bis in die Tagesschau „geschafft“ hat, das mich nachhaltig fasziniert. Vermutlich, weil ich mich für Graubereiche des Legalen in der Kunst interessiere. Wie kann es sein, dass ein Gedicht – übervoll rassistischer Klischees – der Ausgangspunkt eines gewaltigen Medien-Kunstwerks werden kann, das meiner Meinung nach gefeiert werden sollte?

Wir erinnern uns: Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Erdoğan war die Reaktion auf die Forderung der Türkei, eine Erdoğan-Satire der Sendung extra 3 zu zensieren. Böhmermann verzehnfachte den Einsatz und ging unter die Gürtellinie, blendete dazu eine Türkei-Flagge ein und rahmte die Performance mit einem Konjunktiv: „Dieses Gedicht wäre ein Schmähgedicht und somit verboten.“ Wäre – wenn was?

Nun liegen Anzeigen vor, auch vom beleidigten Präsidenten persönlich. Die Rede geht von „schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Kann es sein, dass Böhmermann, indem er sich in das Feld höchster Diplomatie hineingezeckt hat, mit seinem Kunstwerk auf eine fundamentale Unversöhnlichkeit stieß?

Unsere Kooperationspartner vom Peng! Collective haben Aufsehen erregt, weil sie als Clown verkleidet Beatrix von Storch (AfD) mit einer Torte beworfen haben. Auch hier die Unversöhnlichkeit der Perspektiven: Wo die einen keine bessere Idee haben, als auf einen Tortenwurf hin mit Mord zu drohen, fühlen die anderen lachend die Geschichte einer Kunstgattung aufgerufen, die mindestens bis zur Tortenschlacht von „Dick und Doof“ zurückgeht.

Der Kunstgehalt beider Aktionen ist auf der diplomatischen Ebene tatsächlich nicht vermittelbar. Er kann eigentlich nur gefühlt werden – und auch das nur aus einem spezifischen Wissen heraus. Es ist fast verständlich, dass man jenseits des Kunstdiskurses, der gelernt hat, um drei Ecken zu denken, in Böhmermanns Gedicht nur den Rassismus, im Tortenwurf nur die Übergriffigkeit wahrnimmt. Aber ist das Offenlegen der entsetzlichen Engstirnigkeit und rohen Humorlosigkeit auf der Ebene politischer Diplomatie nicht auch eine seltsame Qualität? Kunst gelingt es nur sehr selten, überhaupt in dieses Feld vorzurücken.

Erschienen am 13. April in den Ruhrnachrichten Dortmund.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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