GE TRENNT

stbEin Hörsaal, gefüllt bis zum Bersten mit 700 Menschen. Schmal und lang. Steil ansteigend. Ich unten, um mich herum Gewusel, Hektik. Soviel ist klar: Berühmte Menschen sind eingeladen, sehr berühmte. Jeder von ihnen wird einen dreiminütigen Vortrag halten. Ich klammere mich an mein Mikrofon. Heute geht’s um Tempo: Meine Ansagen als Moderator müssen kommen wie aus der Pistole geschossen. Gleich geht es los.

Existentielle Panik. Keine dieser Berühmtheiten ist mir bekannt. Buhrufe der Ungeduld im Publikum. Also: schnell recherchieren, Wikipedia, irgendwas. Aber der Hörsaal ist durchsiebt von Löchern, wie blanke Bildschirme. Das Nichts breitet sich aus. Die Gesichter ohne Augen und Münder. Ich werde angeschrien: „Es geht los, Mensch!“ In totaler Verzweiflung schreie ich: „Ich weiß nicht, woher ich die Informationen bekommen soll.“
Schnitt. Dunkelheit, eine weiche Decke, das ruhige Atmen meiner Frau. Der verblassende Alptraum vermischt sich mit Erinnerungen an die letzten Tage. Das Unbewusste, wenn es sich zeigt, ist fast schon unverschämt in seiner Direktheit. Denn ich habe mein Smartphone verloren. Seit zwei Tagen muss ich aushalten, nicht überall und jederzeit ins Netz zu können. Ich fühle mich disconnected, in meiner Orientierung in der Welt brachial gestört: Der Raum voller Löcher, mein Gehirn ohne Zugang zum Anderen.
„Du bist eben auf Cold Turkey“, sage ich mir, „schlimm, diese Abhängigkeit von der Technik.“ Aber da ist noch was anderes. Ein anklingendes Gefühl echter Trauer. Ich suche nach Erklärung, mitten in der Nacht. Mit dem Smartphone sind auch hunderte Fotos verloren. Spuren des letzten Jahres: Familie, Proben, Theater… (ja, ja, Backup!).
Wir fürchten den Tod, sagt man, nicht aufgrund eines Verlusts an Zukunft, sondern weil mit ihm die Vergangenheit ganz verschwindet. Sammelleidenschaften sind Versuche, den Tod durch Anhäufung von Gewesenem zu überwinden. Und Fotos sind jene Spuren oder Spiegel in unserer Existenz, die uns vergewissern, dass wir tatsächlich lebendig waren – und sind.
Fotos zu verlieren heißt, die Bedrohlichkeit des Todes im Futur II zu spüren: eines Tages wird alles nicht gewesen sein. Da kann die Cloud zum Bersten gefüllt, der Wikipedia-Eintrag meterlang, das Backup vom Backup gemacht sein: Die Bildschirme werden blank bleiben, die Köpfe ohne Gesichter.
Jetzt geht es darum, darin die gute Nachricht zu erkennen.
Erstmals veröffentlicht am 27. April in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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