ES SPUKT UND BRODELT

stbSie werden es zweifellos bereits mitbekommen haben: Diese eine Parteivorsitzende gab neulich einer großen Zeitung ein Interview. Und darin forderte sie, das Wort „völkisch“ wieder in den deutschen Wortschatz zu integrieren. Ein Adjektiv, in dem die Vorstellung eines Volkes als geschlossener, gesunder Volkskörper widerhallt.

Worte haben stets einen Unterbau, der beim Sprechen mittransportiert wird. In ihnen spuken die Geister der Vergangenheit und brodeln die Hoffnungen einer Zukunft. Unkontrollierbar. Doch man kann Begriffe nicht leeren, man kann sie nicht überweißen und mit einem schönen Blumenmuster neutapezieren. Wer so etwas in der Öffentlichkeit behauptet, dem geht es nicht nur um das Wort selbst. Er oder sie lotet aus, wie sehr man Geschichte relativieren oder gar auslöschen kann. Er oder sie verfolgt damit sehr wahrscheinlich eine Ideologie.

Natürlich weiß diese eine Parteivorsitzende glasklar, welche Vergangenheit im Wort „völkisch“ steckt. Natürlich glaubt sie auch selber nicht wirklich, dass „völkisch“ bloß das Adjektiv von „Volk“ sei – und sonst nix. Aber Sprache ist ein Echoraum. Die Parteivorsitzende kämpft für dieses hässliche Wort, um das unselige Echo der Vergangenheit in unsere Gegenwart hineinwehen zu lassen – in eine politisch schwüle, emotional aufgeladene Lage, in einen Sommer ohne Sommerloch.

Wenn es  nach der Parteivorsitzenden ginge, soll uns das Wort „völkisch“ von nun an in vielen neuen Kontexten begegnen. Es soll seinen festangestammten Platz innerhalb rassistischer Nazi-Ideologie und antisemitischem Verschwörungsgeraune verlassen und sich unauffällig in unseren Köpfen einnisten. Die Folge: Das Damals wird mit dem Jetzt untrennbar, und umgekehrt. Es entstehen unwillkürlich Synapsen, und die Vergangenheit erscheint in neuem, irritierendem Licht.

Die konservative Revolution, wie es der Parteivorsitzenden vorschwebt, soll im Sprachgefühl eines jeden Einzelnen beginnen. Sie möchte altes Geröll und Schlamm in unseren Sprachfluss gießen und selbstverständlich werden lassen.

Wie sehr aber Sprache Politik macht und im Extremfall Revolutionen mit sich bringen kann, zeigen wir ab diesem Freitag. In Triumph der Freiheit #1 rollen wir die Französische Revolution neu auf – mit zahllosen Echoräumen, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart unauflöslich vermischen.

Ursprünglich erschienen am 14. September in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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