DU GUCKST JA NUR ZU!

stbMeine große Tochter, die eigentlich gar nicht groß ist, aber immerhin größer als die kleine, nämlich fast vier, war am Sonntag mit mir im Theater. Es lief „Minority Report“ im Studio, ich hatte Abenddienst. Sie schaute über weite Strecken gebannt zu, was sicher nicht am Thema lag (Wie steht es um die Freiheit in Zeiten von Big-Data?), sondern eher am Mitwirken ihrer Freundin, der Schauspielerin Merle Wasmuth und mehrerer Barbie- und Ken-Puppen auf großen Leinwänden.

Und weil das Stück „gar nicht so gruselig“ war, wie sie zunächst befürchtet hatte, und weil ich sie bei den allzu expliziten erotischen Szenen kurz mit raus nahm („Warum hat Barbie sich hingelegt?“ – „Äh, die ist total müde! Komm, wir holen eine Brezel!“), wertete ich den Abend stolz als Erfolg für unser Papa-Tochter-Verhältnis.

Am nächsten Morgen war sie krank. Abends fragte ich sie: „Wie geht’s Dir?“ „Total elend. Das Schlimmste heute war der Kuchen!“ (meine Frau und ich testen gerade zuckerfreies Backen) „Na!“ „Papa, wer hat gestern im Theater alles aufgebaut?“ „Die Techniker.“ „Und wie heißt die Mutter von Gott?“ „Äh…“ „Das ist doch puppenleicht, die heißt auch Gott. Weil sie ja Gott aufgebaut hat.“ „Ach.“ „Und Papa. Du arbeitest ja gar nicht richtig. Du guckst nur zu im Theater.“

Meine Kinnlade fiel bis zum Boden. Hatte ich nicht alles getan, das Kind als Papa-Theater-Held durch den Abend zu führen? „Naja, also, weißt du, Zuschauen ist auch Arbeit.“ „Warum?“ Hilfesuchende Blicke zu meiner Frau. Ich kann doch einer Dreijährigen kaum sagen: „Die Sphäre der Kunst unterscheidet sich von der Sphäre der Unterhaltung dadurch, dass sie den Betrachter mit unlösbaren Widersprüchen in Bild und Text konfrontiert, so dass dieser selbst anfangen muss, denkend tätig zu werden, was man durchaus als Arbeit bezeichnen kann. Mein Beruf ist es dafür zu sorgen, dass der Betrachter Arbeit hat.“

Während ich schlau vor mich hindenke und vermutlich gucke wie ein Auto, ist die Große längst bei wichtigeren Fragen des Stücks. „Und warum fangen die Räuber die Polizisten, und nicht die Polizisten die Räuber?“ Ich: „Überleg doch gefälligst selbst!“ Nein, das sage ich selbstverständlich nicht, sondern: „Äh, komm, wir lesen Leo Lausemaus!“

Übriges – wenn Sie sehen und hören möchten, wozu Barbie sich hingelegt hat: Sichern Sie sich noch heute Ihr Ticket für „Minority Report“ im November!

Das Sterntagebuch wurde am 14. Otober 2015 in den Ruhr nachrichten veröffentlicht.

 

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