DIE ZEIT DAVOR

stbSzene 1. Dort, wo noch vor einem Jahr jemand war, ist nun keiner mehr. Hier gingen wir spazieren, du und ich, an der Mauer entlang auf dem Weg zur kleinen Brücke. Es lag Schnee. Wir sprachen von einer Zukunft, die offen vor dir lag wie ein gerade bestellter Acker. Sie gehörte dir. Heute nieselt es. Die Mauer ist die gleiche. Ich erkenne die Risse, das Moos. Aber dort, wo noch vor einem Jahr jemand war, ist nun keiner mehr. Hätten wir das gewusst; du und ich.

IMG_0102

Szene 2. Die Sonne scheint über der Rue des Tournelles, Le Marais im Zentrum von Paris. Es ist der 10. November 2015. Ein geniales Graffiti zwischen schmutzigen Schriftzügen: Es zeigt einen Vermummten in grünem Parka, der dem Betrachter zwei mit Wasser gefüllte Beutel entgegenstreckt wie eine Beute oder ein Geschenk – darin schwimmen vier Goldfische. Ein Rätsel ohne Lösung, viel zu gut, um es nicht mitgehen zu lassen (digital, versteht sich).
Eine Woche und 130 Pariser Tote später, Dortmund. Der Vermummte im Parka sieht mich an, vom Display meines Smartphones. Auf seine Stirn hat jemand einen schwarzen Punkt gesprüht, der Lack rinnt wie Blut zwischen seine Augen. Warum ist mir das unter der Pariser Sonne nicht aufgefallen? Vor den Anschlägen?

Hätten wir das nur geahnt! Dieser Konjunktiv belegt die Rückbesinnung auf die Monate, Tage, Stunden, Sekunden vor der Katastrophe mit einem Gruseln. Jeder, der schon mal einen jähen Verlust hinnehmen oder ein schweres Unglück miterleben musste, wird das kennen: wie nachträglich die Zeit davor, mag sie auch noch so schön oder belanglos gewesen sein, in eine Schwebe gerät, als hätte schon eine düstere Verheißung in der Luft gelegen. Das Jetzt hat einen Wissensvorsprung vor dem Damals, und es blickt mit Neid und Schrecken auf dessen Ahnungslosigkeit zurück. Es möchte ihm etwas zurufen, vielleicht: Du willst es nicht wissen, aber das da ist nicht irgendein Moment. Das ist der Moment davor.

Szene 3. Blick aus dem Bürofenster. Die Sonne blendet, die Scheiben müssten dringend geputzt werden. Die To-do-Liste ist endlos. Im Nachbarbüro wird geschimpft. Die Dinge sind also am Platz. Das Jahr 2015 geht unspektakulär zu Ende.

Wenn wir in einem Jahr diese Worte wieder lesen sollten, um welche Ahnungslosigkeit wird diese Zukunft unser Jetzt beneiden? Wenn wir jetzt schon wüssten, dass bald… – was? Lieber Konjunktiv, bei allem Respekt: Falsche Frage. Die Zukunft existiert nicht an sich (siehe Szene 1), und deshalb lassen wir uns auch nicht von ihr die Gegenwart kolonialisieren. Das Jetzt ist jetzt niemals ein Davor – das konstruieren wir erst im Nachhinein. Das Jetzt gehört den Menschen, dem Leben, den Bühnen, dem Spazierengehen, den Nach- und dem Vordenken, dem Korken knallen lassen, dem Glück – das wir jetzt teilen wollen mit allen, die da sind. Und allen, die es nicht mehr sind. Mit dir.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.