DAS EWIG GUTE

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Als die Sonne gestern zum ersten Mal seit Wochen die Stadt in Licht und zurückhaltende Wärme tauchte, war man kurz geneigt, dem alten Platon Recht zu geben. Platon hatte die Sonne einst als direkten Verwandten des Guten definiert – und zwar nicht irgendeines Guten, sondern des absoluten und ewig einen Guten. Dieses Gute war so gut, dass es außerhalb jedes Erkennens lag, ja, das Gute war das, was Erkenntnis erst möglich macht: So wie das Sonnenlicht das Sehen ermöglicht, ermöglicht das Gute das geistige Erkennen.

Die Sonnenstrahlen auf den über den Winter erblassten Ruhrgebiets-Gesichtern fühlten sich in der Tat an wie ein Abglanz dieses Guten. Vor dem Schauspielhaus wurden die Menschen umgehend besser zueinander. Ein Vorgeschmack auf den Frühling, jene Jahreszeit, die im Ruf steht, besondere Gefühle auszulösen. Das ist vielleicht die beste Eigenschaft am westfälischen Winter: dass er Kontrast ist – ein nieseliger Hintergrund, vor dem schon ein Quadratmeter blauer Himmel wie ein Geschenk der Götter wirkt.

Bei genauer Überlegung will man dem alten Platon aber doch ein paar Fragen stellen. Wenn die Sonne wirklich so gut ist, wo war sie von Oktober bis März? Was soll das für ein Gutes sein, dass uns derart lang allein lässt? Bekanntlich hat Platon das Theater gehasst. Sein Ideal war eine ordentliche Gesellschaft, in der jedes Ding unter der Sonne an seinem zugedachten Platz ruht. In der jeder Mensch ist, was er ist: ein Philosoph ist ein Philosoph. Ein Bäcker ist ein Bäcker. Ein Bäcker, der einen Philosophen spielt wäre Platon ein Graus gewesen.

Hätte Platon in Westfalen gelebt und nicht unter dem immer blauen Himmel Athens, wäre er vielleicht von selbst darauf gekommen, dass mit dem Konzept der ewig einen guten Sonne und der durch und durch ordentlichen Gesellschaft unter ihr etwas nicht stimmt. Und dann hätte er vielleicht auch das Theater gemocht, diesen unordentlichen Ort, der dem Guten genauso gewidmet ist wie dem Bösen – und der uns trotzdem noch in jedem Winter der Erkenntnis den Geist gewärmt hat!

 

Veröffentlicht am 6. März 2013 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin war von 2010 - 2018 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.