ASOZIALE NETZWERKE

stbIn der vergangenen Woche war ich für das Schauspiel Dortmund auf der größten Internet-Konferenz Deutschlands, der re:publica. Netzdenker, Blogger und Künstler treffen sich für ein paar Tage in Berlin, um über digitale Gegenwart und Zukunft zu sprechen. In diesem Jahr war die Stimmung merklich gedämpft: Noch vor wenigen Jahren galt das Netz als utopischer Raum der Freiheit, gar als Friedensbringer. Und heute?

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Die sozialen Medien haben eine ihrer Kernkompetenzen verloren: die Unbeschwertheit. Aus sozialen Netzwerken wurden still und heimlich asoziale Netzwerke. Die Krisen der Welt finden sich nun auch in unseren privaten Timelines wieder: Der Jugendfreund teilt Verschwörungs-Quatsch. Im Sekundentakt erhält PEGIDA neue Facebook-Fans. Und auch Neonazis liken Kätzchenbilder.

Die Hauptfrage der re:publica war also: Wie konnten wir den Karren so gegen die Wand fahren? Selbst Netzguru Sascha Lobo wusste auf die Frage, warum man angesichts dieser verfahrenen Situation hoffnungsvoll bleiben könne, nicht mehr als ein zwangsoptimistisches „Trotzdem!“.

Laut der Journalistin Ingrid Brodnig bilden Netzwerke wie Facebook perfekte Biotope für Gleichgesinnte: Menschen mit gleicher Meinung bleiben dank Facebook-Algorithmen unter sich. Wer sich einmal für eine Meinung entschieden hat, wird nur noch das sehen, was ihn sein eigener Echoraum bestätigt. Die Folge: Gegenpositionen werden unsichtbar, Umdenken unmöglich.

Aber auch unser Theater bleibt trotzig-optimistisch, auf der Suche nach neuen Sichtweisen und Ideen. Am Donnerstag ist der Künstler Arne Vogelgesang bei uns zu Gast. Er hat sich ausgiebig mit den verstörenden Gegenwelten und der politischen Radikalisierung in den sozialen Netzwerken befasst. In der BLACKBOX (Donnerstag, 20 Uhr im Studio, Eintritt frei) präsentiert er eine Auswahl verstörender Originaldokumente des Online-Wahns.

Das Thema ist allgegenwärtig. Auszüge des Vortrags hat Arne Vogelgesang am Sonntag auf der „Theater und Netz“-Tagung vorgestellt. Einer weiteren Internet-Konferenz. Wieder zum Thema „Digitaler Extremismus“. Die Stimmung war aber ganz gut.

Ebenfalls am 11. Mai 2016 in den Dortmunder Ruhrnachrichten erschienen.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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