APROPOS BRÜSSEL…

stbWas denken Sie: Warum nehmen Sie 3.500 Verkehrstote jährlich hin, ohne mit der Wimper zu zucken? Warum haben Sie mehr Angst vor Terror, als vor einem Autounfall – obwohl die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch Terror getötet zu werden, statistisch gegen null geht? Ändern die Anschläge von Paris und Brüssel mathematisch etwas an dieser Wahrscheinlichkeit? Woran liegt es, dass die Angst vor Kriminalität wächst, obwohl Statistiken belegen, dass Deutschland heute mindestens genauso sicher ist wie vor zehn Jahren? Tendieren Sie eher dazu, Negatives oder Positives in ihr Weltbild zu integrieren? Sind Statistiken unmenschlich?

Wieso haben Sie sich nach den Anschlägen von Brüssel schneller beruhigt, als nach dem 13. November? Kann man sich an Angst gewöhnen? Überfliegen Sie viele Artikel nur noch, weil Sie Aussage und Ton schon kennen? Charlie Hebdo, 13. November, Brüssel: Erkennen Sie Muster in den Reaktionen von Politikern, Journalisten, Zivilgesellschaft? Welche? Wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang das Beckett-Zitat: „Das Gleiche noch mal anders?“ Gebrauchen Sie das Wort Theater als Schimpfwort, wenn Sie über Politiker sprechen? Haben Sie eher Angst vor der Angst oder vor der Gewöhnung?

Glauben Sie, Europa hat das verdient? Ist „Der Kapitalismus ist schuld!“ ein intelligenterer Satz als „Die Ausländer sind schuld!“? Verfolgen Sie die Debatte darüber, ob der Terror mit dem Islam zu tun hat, oder nicht? Tritt sie auf der Stelle? Verfolgen Sie das ewige Duell Sicherheit vs. Freiheit? Hat es sich verschärft? Ist Freiheit der höchste Wert, oder ist Gesundheit wichtiger? Welches Wort nutzen Sie öfter: Wert oder Gesetz?

Wussten Sie, dass vor der Französischen Revolution viele Menschen von Verschwörungstheorien besessen waren? Dass man diese blutdürstige Zeit die „Große Angst“ nennt? Glauben Sie, Gesellschaften können kollektiv wahnsinnig werden und sich nur noch Unsinn vorstellen, ohne es zu merken? Trifft die Aussage zu: „Es ist alles komplexer, als es scheint“? Oder ist das Gegenteil der Fall? Was macht Sie so sicher, dass ausgerechnet Sie sich keinen Unsinn vorstellen in Bezug auf die Weltordnung? Warum haben so viele eine Meinung – ist das überhaupt notwendig? Was denken Sie: Warum erwarten Sie von allen – Politiker, Journalisten, Experten – immer nur Antworten?

Ebenfalls erschienen am 30. März 2016 in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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