ANGST

Ungefähr mit zwanzig Jahren bekam ich es mit der Angst zu tun. Es gab keinen speziellen Anlass. Ich saß an einem Esstisch, im Gespräch mit Freunden. Zuerst bemerkte ich die Angst in den Schultern, dann in der Brust, schließlich in den Beinen. Vielleicht war der Auslöser eine Sehnsucht, von der ich schon zu lange ahnte, dass sie unerfüllt bleiben würde. Oder ich begriff zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich lang sein wird. Oder, ganz im Gegenteil: Ich spürte, wie sich die Zeit dehnte, lang und zäh, und wie ich irgendwann am ewigen Aufschub zugrunde gehen würde. Oder alles drei zugleich.

Seitdem bin ich zum Experten geworden. Ich nehme die Angst wahr, bevor sie mich hat. Ich kenne die inneren Bilder und Gedanken, in der sie gedeiht. Erich Kästner sagte, wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie. Es ist wahr, Angst ist oft das Resultat einer blühenden Fantasie. Angst ist gemacht. Etwas macht Angst. Ich mache mir Angst. Ich stelle mir etwas Unerträgliches vor, so unwahrscheinlich das auch sein mag. Schon hat mich die Angst im Griff. Und was am meisten Angst macht – ist bekanntlich die Angst selbst. Und da kommen schon ihre besten Freundinnen: Mutlosigkeit, Feigheit, Bequemlichkeit. Und Langeweile.

Vorige Woche feierten wir Vernissage im Schauspielfoyer. Die Ausstellung heißt „Weisse Wölfe“: eine graphische Reportage über gewaltbereite Nazibanden in Dortmund. Drei von drei Journalisten, die mich dazu befragt haben, wollten wissen: „Haben Sie denn keine Angst?“

Ich weiß, so ziemlich jeder hat Angst. Andauernd. Angst kann deine Freundin sein, wenn sie dir eine Warnung zuflüstert. Meist aber, fast immer, ist sie kein guter Ratgeber. Sie hat unendliche Möglichkeiten von Politik und Kunst auf dem Gewissen.

Ob ein Leben glücklich und erfolgreich verläuft – ja: ethisch! – hängt davon ab, ob jemand die Fähigkeit zur Unterscheidung herausbilden kann: Ist diese Angst mein Freund oder mein Feind? Leihe ich ihr ein Ohr? Oder handele ich, trotz der Angst? Mit ihr! Gegen sie! Bis sie verstummt.

Im Künstlerischen Betriebsbüro vom Schauspielhaus hängt ein Zettel: „Es ist wichtig Dinge zu machen ohne Angst zu haben.“ Ein Slogan-Vorschlag ans lokale Stadtmarketing: „Dortmund: Angstfreie Stadt“. Das wäre doch mal ein Alleinstellungsmerkmal. Für ein solches Ziel steige ich gerne weiter mit der Angst in den Ring, lächelnd.

 

Veröffentlicht am 22. April 2015 in den Ruhr Nachrichten.

 

Grafik: Jan Feindt

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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