JEDER KOMMT IN DEN WIGWAM, DEN ER VERDIENT!

Eine kleine Pilgerreise durch den Theateralltag mit Wenzel Storch

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„So hab ich mir Theater immer vorgestellt“, wehklagt Wenzel Storch auf Probebühne Vier, wenn ihm eine szenische Idee mal nicht in den Kram passt. Bloß nicht kryptisch werden! Bloß keine Bedeutung vorgaukeln, wo gar keine Bedeutung dahinter steckt! Zum Beispiel, als der Moderator und der Wissenschaftler einmal ausprobierten in identischen Kostümen, mit Anzug und Grauhaarperücke, Szene Zwei zu meistern. Eine trüb assoziative Gedankenkette, die infolge der „künstlerischen“ Idee entstanden war, waberte durch den Raum der Zuschauenden. Einschlägig zu beantworten, geschweige denn zu durchschauen, war das Synchronkostümieren natürlich nicht, weshalb es von einigen gleich als wertvolle Gestaltungsidee konstatiert wurde. „Das ist spannend, ein bisschen DADA, ein bisschen Monty Python, man weiß einfach nicht, was es soll, dass wir die selben Sachen tragen, und es sieht noch lustig aus“, entfuhr es meinem Mund. Ebenda schlug Wenzel Storchs wehklagender Einwand ein: „Genauso hab ich mir Theater vorgestellt.“

Ekkehard Freye

Mein euphorisches Lächeln fiel mir bleischwer aus den Mundwinkeln auf die nur leicht verkleideten Zehenspitzen. Epiphania! Der Theaterteufel hatte von mir Besitz ergriffen – ein bisschen Bedeutungskontingenz hier, ein bisschen Optikfirlefanz dort – und schon schrie ich lauthals „Kunst! Kunst! Kunst!“. Wenzel Storch hat mir diesen Dämon mit einem Satz aus meinem umwölkten Neosurrealistengehirn exorziert. Von dieser Probe an wurde mir schlagartig klar: vom gesunden Misstrauen Wenzel Storchs gegenüber der gemeinen Kunstbetreiberei, ob sie nun Stadttheater, Filmförderungsanstalt oder Büchermesse heiße, kann man etwas für das eigene sogenannte Leben lernen.

Jana Katharina Lawrence

Noch ein Beispiel: Illustrieren-verboten-Schilder hängen eigentlich auf jeder Probebühne jener Theater, die etwas auf sich und ihren künstlerischen Anspruch halten, herum. Was du auf der Bühne sagst, kannst du allenfalls mit der Bewegung deiner Hände und Arme gestisch verstärken. Was gar nicht geht ist, wenn du das Gesagte mit einem Geräusch oder mit dem adäquaten Songtext eines dazu eingespielten Liedes eins zu eins übersetzt. Ich meine, wo bliebe denn da der mündige Zuschauer, der sich die Zusammenhänge selbstbestimmter Weise zusammen oder auseinanderhängt? Wo bliebe der mündige Dramaturg, der textimmanente Gedankengräben ausheckt, um dann mit Tücke eine Lücke in den vorgespielten Interpretationssteg sägen zu können? Wo bliebe der mündige Schauspieler, der, wenn er A spielt, B meint, oder wenn er B spielt, C + D = G : H³ meint, oder wenn er A ausgerechnet nicht spielt, A meint? Kurz: wo bliebe die Lücke, die der Teufel lässt? Nun, wer weiß, vielleicht bliebe sie dann ausnahmsweise mal beim Text.

Was noch? Von Wenzel Storch lernen, heißt weiterdings, etwas über exquisiten Geschmack zu lernen. Beispielsweise Lieder und oder Interpreten zu kennen, die man nicht mal googlen kann. Ein Umstand, von dem ich, obschon ich altersbedingt nicht von Kindesbeinen an im digitalen Menschenzoo spazieren gegangen war, gar nicht wusste, dass es das noch gibt. Schon deshalb möchte ich auf diesem Wege dafür sorgen, dem Traum vom unbefleckten Hochladen hochanaloger Devotionalien heiter und der Zukunft zugewandt entgegenzutreten, in dem ich eine ungeahnte Perle der deutschen Antifolk-Kunst in die poetische Nacktheit der Gegenwart werfe:

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Den Rest des Liedes behalte ich für mich. Apropos Googlen. Von Wenzel Storch lernen, heißt ferner, originäre Self-Marketing-Strategien entwerfen zu lernen. Du suchst nach den etymologischen Wurzeln seiner schönen Wortkreation „Eierstocknovelle“ (kommt im Stück „Komm in meinen Wigwam“, bezogen auf Thomas Manns vorletztes Erzählwerk „Die Betrogene“, vor), von der du glaubst, dass Herr Storch diese eventuell nicht selbst erfunden haben könnte. Du ahnst einen tagebucheinträglichen Hintergrund bei Arno Schmidt oder bei Rose Ausländer zu erkennen und schlägst schließlich das an dieser Stelle bereits inflationär erwähnte Heilige Buch des Datenneuzeitalters G. auf und … findest nur einen einzigen Eintrag. Alle Augen auf W. Storch! Welch schillernder Gegenbeweis zu Günther Anders’ epochaler Erkenntnis aus dem modernen Medienalltag des mittleren 20. Jahrhunderts, jede Werbung sei ein Appell zur Zerstörung. Und welch schillernder Mut zur Inkonsequenz, der mit nur einem Wort die „Schachnovelle“, die 188.000 Einträge erbringt, in 188.000 Stücke zu zerschlagen vermag.

Leon Müller Jana Lawrence Thorsten Bihegue

Und sonst? Um auf die zahlreich veröffentlichten Statements von Wenzel-Storch-Fans oder von durch „Komm in meinen Wigwam“ zu Wenzel-Storch-Fans gewordenen, hinsichtlich der Frage nach dessen Zukunft innerhalb der endlichen Weiten subventionierter Theaterweltraumlandschaft, reagieren zu wollen, möchte ich, wenn schon kein Wort, so wenigstens einen Wunsch in die Waagschale der allgemeinen Theaterverantwortlichkeit werfen. Wenn ich etwas ganz unvorhergesehenes in, mit und durch diese Arbeit gelernt zu haben glaube, so sei mir folgender Ausspruch gestattet: von Wenzel Storch lernen, heißt Theatermachen zu lernen.

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

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