5 THESEN ZUM „TRIUMPH DER FREIHEIT“

5 Thesen zum Triumph der Freiheit #1
von Regisseur Ed. Hauswirth

#1

Caroline Hanke Friederike Tiefenbacher Andreas Beck

TRIUMPH DER FREIHEIT #1 erzählt die Geschichte eines Machtwechsels. Mit historischer Einordnung wollen wir uns hier nicht aufhalten: gewiss, einschneidender Moment der Menschheitsgeschichte, Bruch der Alten Ordnung, Geburtsstunde modernes Europa, etc. Jenseits der Prosa des Nationbuilding und dem Gebrauchstext der Geschichtsbücher wird aber auch eine Schablone sichtbar, die einen einlädt, über politische und gesellschaftliche Verhältnisse nachzudenken: jede Revolution ist ein Lehrstück über Gruppendynamik, Lenkungsprozesse, dem Fahrtwind des Fortschritts, dem einen die Augen tränen lassen. Kurz: über Macht und über Wissen, das sich verhältnismäßig schnell und überstürzt von A nach B verlagert. Manchmal geschieht das mit bloßer Waffengewalt, mit verordneter Revolte. Manchmal aber auch durch bloße Bildung einer Mentalität und einer dazugehörigen Idee, die sich durch Sprache entzündet. Das ganze ist wie eine sprachliche Hirnhautentzündung.


#2

Sebastian Kuschmann, Dortmunder Sprechchor

Das Stück erzählt die Geschichte davon, wie gute Ideen in Gewalt umschlagen. Wer für das gute Anliegen antritt, hat noch lange keine Garantie dafür, dass alles am Ende auch gut ausgeht. Denn man kann nicht einfach HANDELN, sondern die Geschichte löst die handelnden Subjekte auf, verwischt und durchmischt ihre Ideen und Absichten und der Zufall gibt sein Quentchen hinzu. So kann Mord und Todschlag die Folge von guten Ideen sein. Kann. Muss aber nicht. Die Praxis des redlichen Diskurses ist auch machtlos gegenüber Vereinfachungen und Beschleunigungen. In diesem Sinn ist TRIUMPH DER FREIHEIT #1 kein politisches Stück, sondern eine Arbeit über das Politische.


#3

Uwe Schmieder

Es erzählt die Geschichte von Ideen, die sich im Sprechen entwickeln. Das Stück hat Meinungen und Reden, Debatten und Streit als Fundament. Die den Text durchströmenden (oder eher: überflutenden) Ideen werden dabei nicht von einer Genie-Instanz dem Volk präsentiert, es gibt weder charismatische Wortführer noch Helden, keine visionären Landesväter/-mütter, keine Hauptrolle wie im klassischen Geschichtsdrama. Stattdessen: Basisarbeit. Meinungen vom Volk in politische Sprache, in den Wortschatz der öffentlichen Sphäre übersetzen – und dabei nicht die Dolmetscherfähigkeiten vergessen. (Man kann zwar die Meinung der einfachen Leute repräsentieren, doch wenn die einfachen Leute das nicht mehr merken, saust plötzlich das Fallbeil.) Und allmählich ziehen die Ideen einen mit: plötzlich pflanzen sich die Ideen in den Köpfen fort, man steckt sich gegenseitig mit Meinungen an, der Diskurs metastasiert und nimmt an Fahrt auf. Nun ist er nicht mehr zu bremsen. Vive le pathos!


#4

Merle Wasmuth Bjšrn Gabriel

Wer die Macht über die Inszenierung der Bilder hat, hat die Macht.  Wie weiß, wie es 1789 ausgesehen hätte, wenn es schon unmittelbar live-sendende Nachrichtensender, Periscope-Apps und Liveticker-Angebote gegeben hätte? Man kann die Antwort allenfalls erahnen, als sich 200 Jahre danach der rumänische Diktator Ceaucescu auf den Balkon seines Palasts stellt, den Massen mal wieder irgendwas erzählen will, und dabei nicht merkt, wie die Massen nicht mehr auf seiner Seite stehen und ein gigantisches Gebrüll ertost. Die live sendenden Kameras des Staatsfernsehens zeigen nur noch, wie seine Gesichtszüge entgleisen und sich Verwirrung und Panik bei ihm bemerkbar machen. Der Rest ist schnell erzählt: ein paar Tage später stürmen Revolutionäre die Studios des Staatsfernsehens, machen Live-Revolution und das Diktator-Ehepaar wird in irgendeiner rumänischen Bauernhütte vor die Wand gestellt. Während die Kamera draufhält.


#5

Marlena Keil Caroline Hanke Friederike Tiefenbacher Dortmunder Sprechchor

Erst muss das Symbol sterben, dann der Symbolträger. In seinen letzten Lebenswochen wurde der französische König Ludwig XVI. vor Gericht gestellt und dabei konsequent nicht mehr mit Adelstitel angesprochen, sondern mit seinem vermeintlichen bürgerlichen Namen „Ludwig Capet“. Eigens dafür beauftragte Ahnenforscher hatten zuvor recherchiert, wie ein bürgerlicher Nachname des Königs lauten könne, und waren irgendwo im zwölften Jahrhundert auf diesen Nachnamen Capet gestoßen. Erst diese entschlossene Auslöschung des Royalen ermöglicht es, den ehemaligen König unter die Guillotine zu legen. Man muss erst das Amt tilgen, die Auffassung eines gottgegebenen Herrschers, bevor es an dessen Repräsentanten gehen kann. Der symbolische Raum muss abgerissen und die Spezies der erhöhten Würdenträger durch die gewöhnlicher demokratischer Subjekte ersetzt werden. Nur, indem das Amt kontrollierbar und zähmbar wird – in Folge sich verschiebender Machtkonstellationen, oder „Erniedrigung durch Erhöhung“ – ist die Zukunft gewiss.


Ed Hauswirth 3Ed. Hauswirth ist der Regisseur von Triumph der Freiheit #1. Er ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des „Theater im Bahnhof“ in Graz. Seine erste Regie-Arbeit in Dortmund war die Stückentwicklung Liebe in Zeiten der Glasfaser (2015).

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