„ER SCHÖPFT, KREIERT.“

„Er schöpft, kreiert.“

Wie wird ein Oratorium von Joseph Haydn zum Soundtrack der digitalen Revolution? Zur Rolle der Musik in SCHÖPFUNG von Claudia Bauer.

Ein Gastbeitrag von T.D. Finck von Finckenstein.

SU0A9393 Foto: Klaus Depenbrock

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Ich gebe zu, dass ich Vorurteile hatte. Haydn. Der Kreateur der Musik unserer Nationalhymne. Mein jugendliches Punker-Ich, Deutschland-kritisch aus Gewohnheit, hätte das niemals durchgehen lassen, aber die inzwischen angesammelte Weisheit eines Theaterkomponisten flüsterte mir zu: Man kann alles machen, hören wir doch erstmal rein in Die Schöpfung.

Regisseurin Claudia Bauer und Dramaturg Dirk Baumann hatten sich vorgenommen, eine Stückentwicklung rund um Haydns bekanntestes und beliebtestes geistliches Oratorium zu bauen. Es sollten Brücken geschlagen werden zwischen der fleischlichen, der geistigen, der digitalen, der cloudbasierten Schöpfung und letztlich dem Konflikt, den Gott nie hatte: dass seine Schöpfung ihn eines Tages an Fähigkeit und Intellekt überflügeln würde. Der Mensch, zumindest rein hypothetisch, könnte in Zukunft vor diesem Problem stehen, wenn künstliche Intelligenzen und ausdauernde Maschinen sich zu einem neuen Organismus verschmelzen. Was würde in einer solchen Zukunft passieren, wenn der Mensch nur mehr eine Erinnerung wäre, derer die Maschinen mit Bewusstsein in einer Art Oratorium gedenken? Und wie müsste die Musik dazu funktionieren?

Sänger: Ulrich Cordes, Maria Helgath, Robin Grunwald
Petra Riesenweber (Piano)

Beim Hören durch die Schöpfung, also das wunderbare Chaos, die Rezitative, die Chöre, die Terzette, die Arien, da wurde mir eine Sache ganz schnell klar: so wie Haydn das geschrieben hatte, konnte das bei unserer Schöpfung nicht laufen. Die Menge an Ausschmückungen und die immer gleichen Arten von lobpreisenden Wiederholungen machten mich wahnsinnig. Da war richtig geiles Material, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da vieles nicht gut gealtert war. Oder vielmehr, dass man mit dem Thema musikalisch heute wohl ganz anders umgehen sollte. Und über das Frauenbild in Haydns Schöpfung muss man auch nicht wirklich diskutieren, das schiebe ich aber gnädigerweise mal in die Rubrik Zeitgeist. Das rettet schließlich auch Wagner immer, wenn es zu brenzlig wird. Und letzten Endes war ja mein Gefühl auch nur Ausdruck meines eigenen Zeitgeistes…

Jedenfalls war ich mir sicher, dass ich mich von einer Menge der Noten verabschieden wollte in der Klavierbegleitung, die unsere Grundlage bildete. Und, dass es einen spezifischen Sound für unsere Schöpfung geben musste. Ich programmierte also einen Synthesizer, der aus Schichten verschiedener virtueller Instrumente bestand, um einen im Kern orchestralen, expressiv spielbaren Klang zu erhalten. Das hatte zwei grundlegende Konsequenzen für die Musik. Erstens konnte mein Laptop dieses Instrument nicht mehr selbst verarbeiten und ich musste auf eine Server-basierte Software zur externen Berechnung der Klänge umsteigen. (Für die Technik-Nerds: das geht mit Vienna Ensemble Pro und LAN-Kabel.) Das war mir bisher auch noch nicht passiert, war aber irgendwie passend bei so einem Projekt. Zweitens war dieser Synthesizer nur auf eine ganz spezielle Art und Weise zu spielen. Das sollte sich als Problem herausstellen, da Spielanweisungen und gewohnte Läufe nicht mehr 1:1 aus der Notation heraus abgelesen werden konnten.

Zusammen mit unserer wunderbaren Pianistin/Allzweckwaffe Petra Riesenweber, die für mich alle Ideen in Sekundenschnelle umsetzen konnte, komponierte ich deshalb die Schöpfung um. (Vorher hatten Claudia Bauer, Dirk Baumann und ich bereits die Musik und die Texte gekürzt, damit die Handlung etwas fluffiger vorankommen konnte…) Wir änderten Akkorde, Tempi, Abfolgen, bauten Loops, erdachten Übergänge, aus Dur wurde Moll und aus Moll wurde Geräusch. All sowas. Petra lernte dabei, wie der neue Synthesizer zu spielen sein würde, der unter ihren Fingern eine wunderbar schwebende Ästhetik mit viel Platz für unsere hervorragenden Sänger & Sängerin entfaltete, wovon viele Teile der Schöpfung profitiert haben. Die neu entstandene Version des Rezitativs „In vollem Glanze steiget jetzt die Sonne“ beispielsweise hat mir bisher bei jeder Probe und Aufführung Gänsehaut beschert.

Bettina Lieder
Sänger: Ulrich Cordes, Maria Helgath, Robin Grunwald
Petra Riesenweber (Piano)

Ulrich Cordes (Tenor), Robin Grunwald (Bass) und Maria Helgath (Sopran) hatten wir bereits gecastet, bevor mir diese genaue musikalische Herangehensweise klar wurde. Die Zusammensetzung sollte sich für mich allerdings als Glücksgriff herausstellen. Die drei jungen Musiker*innen (wie gendert man eigentlich eine Gruppe aus zwei Männern und einer Frau korrekt? Anyone?) stellten sich als extrem flexibel heraus und während der musikalischen Proben konnten sie mir mit ihrem gebündelten musikalischen Wissen mehrfach gehörig den Komponisten-Arsch retten. Was Kirchenmusik angeht habe ich, aufgewachsen im 68er-Eltern-Haushalt, eine große Wissenslücke. Amerikanische Gospel, da geht ein bißchen was, aber Bachs Orgelwerk oder eben Haydns Schöpfung, das waren eher blinde Flecken auf meiner musikalischen Landkarte. Es bessert sich gerade, wirklich. Umso besser also, wenn Leute da sind, die sich damit schon eingehend beschäftigt haben. Daher war die Freude, mit diesen drei Gesangstalenten und Petra Riesenweber zu arbeiten, groß.

Viele spontane Ideen, wie z.B. das Auftreten der Walfische („Und Gott schuf große Walfische“) durch einen ostinaten Basslauf mit darüber gesungenen Originalnoten zu beschreiben oder das albern-bedrohliche „Er schöpft, kreiert!“ unter dem Auftreten von Tiger, Löwe, Hirsch, Gewürm etc. („Gleich öffnet sich der Erde Schoß!“) wären ohne diese Kombination an Menschen niemals zustande gekommen. Es ist eben etwas anderes, vor sich hin zu komponieren oder direkt das kleine Orchester zu bitten, etwas zu probieren.

Maria Helgath (Sängerin)
Bettina Lieder
Frank Genser
T.D. Finck von Finckenstein (musikalische Leitung)
Petra Riesenweber (Piano)
Ulrich Cordes (Sänger)

Trotz des positiven Gefühls, dass ich gegenüber meines Synthesizerklanges hatte musste ich allerdings zugeben, dass dieser durch die Art, wie man ihn spielen musste eine große Neigung zum Pathos entfaltete. Das war für einige Szenen in Verbindung mit der Musik wirklich einfach too much. Claudia Bauer war sich allerdings ziemlich sicher, dass ein vom Keyboard getriggerter Cembalo- oder Klaviersound pfusch am Bau wäre: ein elektronischer Klang, der Elektronisches tut, ist eine gute Sache, aber ein elektronischer Klang, der ein analog-akustisches Instrument ersetzt, das klingt immer nach Kompromiss und Claudia Bauer, so wie ich sie kennengelernt habe, ist keine Regisseurin der Kompromisse. Sehr sympathisch und fordernd.

Die Lösung kam in Form eines echten Cembalo von der Oper, in das ich von unserer exzellenten Tonabteilung mit zwei Funkmikrofonen ausstatten ließ, die bei mir im Laptop auf verschiedene Arten verzerrt und verbogen werden konnten. So war Petra Riesenweber z.B. wieder in der Lage „Mit Würd’ und Hoheit angetan“ mit der nötigen Spielfreude zu versehen, die die darunter liegende Szene erfordert. Ich wiederum konnte nun in bestimmten Situationen das Cembalo durch Obertöne, Dissonanzen oder Delay im Klangspektrum erweitern. Das Ganze immer unter der Prämisse, dem/der jeweiligen Sänger/in den nötigen Spielraum zu lassen.

Ensemble

Die Sänger & -in wurde/n natürlich ebenso mit Funkmikrofonen ausgestattet. Das gab mir die Möglichkeit, Delayfahnen und Loops zu erzeugen, um die auf drei Personen begrenzte, menschliche Klangdichte künstlich zu erhöhen. Außerdem betteten sich die Stimmen so besser in den im Schauspielhaus im Gegensatz zu einer Kirche oder Oper künstlicher wirkenden Klangkosmos ein.

Für den Auftritt der Tiere (siehe oben),  entschied ich mich außerdem, mit dem gesampelten Klang eines Ondes Martinot zu arbeiten, einem elektronischen Orchesterinstrument, dessen Klang auf einem Schwebungssummer basiert und der ein bißchen an eine Orgel erinnert, aber gänzlich eigene Qualitäten mitbringt. Darunter liegt dann ein Bass, der John Cage vermutlich ziemlich glücklich gemacht hätte, Gott hab ihn selig. Die Szene brauchte einen eigenen Klangkosmos, das haben wir uns gegönnt.

Apropos Klangkosmos: hier und da taucht Haydn auch mal nur fragmentarisch auf, z.B. wenn  aus „In holder Anmut stehn“  nur die Sätze „Wieviel sind deiner Werk’, o Gott? Wer fasset ihre Zahl?“ als Loop szenisch wiederholt über einer 8-Bit-artigen Partymusik liegen, auf die ich ziemlich stolz bin, weil sie so bescheuert ist und trotzdem funktioniert.

Alles in allem war die Schöpfung (ja, okay…) der Musik zu SCHÖPFUNG eine absolut kreative, bereichernde Erfahrung. Die Original-Schöpfung mag, zumindest in meinen Ohren, nicht gut gealtert sein als Oratorium, aber die kleine Elektroschock-Revival-Therapie hat durchaus Wirkung gezeigt. Vieles ist jetzt neu, (hoffentlich) interessant und trotzdem gibt es genug Originalmusik für die Leute, die sich Weihnachten und Ostern ohne eine ordentliche Dosis Haydn nicht vorstellen können. Und dadurch, dass ich die Klänge live auf der Bühne bearbeite, habe ich persönlich das Glück, diese außergewöhnliche Aufführung immer wieder von neuem zu erleben und den wunderbaren Musiker*innen zuzuhören, die mir so viel kreativen Input geschenkt haben.

Ensemble

PS: Ich habe hier über die Musik geschrieben, will aber das tolle Schauspielensemble nicht unerwähnt lassen, das ebenfalls auf der Bühne alles gibt. Ich bin zwar befangen, aber ich sage Ihnen: Das müssen Sie sehen (und hören).


T.D. Finck von Finckenstein ist seit der Spielzeit 2015/16 Musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund.

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