HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN

USA, 1970er. Ex-Vietnamsoldat John Rambo wird von einem Sheriff misshandelt. Er flieht. Schnell hat er eine ganze Armee gegen sich – Vertreter einer Weltmacht, die das Trauma des Kriegs weiter verdrängen will. Zeitsprung, Ortswechsel: 1920er, Russland. Auch für Gleb Tschumalow ist der Krieg vorbei. Doch wo ist die erträumte bessere Welt? Keine Arbeit, das einstige Zementwerk liegt brach, in Trümmern, jenseits jeder Utopie. Müllers ZEMENT (entstanden 1972 nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Gladkow) und RAMBO von 1982 – Klaus Gehre kombiniert die Geschichten zweier Kriegs-Heimkehrer. Mit Klaus Gehre sprach Anne-Kathrin Schulz.
Nach MINORITY REPORT widmest Du Dich nun erneut einem epochalen Hollywood-Stoff – RAMBO, dem Welterfolg mit Sylvester Stallone. Hollywood diesmal allerdings in Kombination mit einem Theaterstück, ZEMENT vom großen deutschen Dramatiker Heiner Müller.
Für mich war Heiner Müller die Droge, über die ich ins Theater gekommen bin. Das fing 1988 an. Da war ich noch bei der Nationalen Volksarmee. Offizier. Verpflichtet für 4 Jahre. Und da schob mir im Plattenladen eine Bekannte eine Schallplatte in einer Tüte über die Theke. Und in meinem Kasernenzimmer habe ich die Tüte ausgepackt und vor mir lag: HEINER MÜLLER LIEST HEINER MÜLLER – WOLOKOLAMSKER CHAUSSEE. Und da passierte was. Seine Texte haben mir Wirklichkeit aufgeschlossen: „Ich stehe auf beiden Seiten der Front“ (HAMLETMASCHINE). Müller ist im besten Sinne Dramatiker. Er stellt unvereinbare Positionen gegeneinander. Und er denkt über Utopie nach. Wie in ZEMENT. Wenn du aus dem Osten kommst, ist das ein Thema. Die ersten 20 Jahre in meinem Leben fanden in der großen Utopie-Blase „Sozialismus/Kommunismus“ statt. Dem Traum. Der plötzlich ins Trauma umschlägt. Und genau damit beschäftigt sich RAMBO. Wie gehen wir mit dem Trauma um. Wie gehen wir mit denen um, die aus dem Krieg heimkehren.

Rambo plusminus Zement
Z.B. John Rambo, hoch dekorierter Ex-Elitesoldat, und Kriegsheld Gleb Tschumalow, ehemals Schlosser in einem Zementwerk. RAMBO und ZEMENT beleuchten beide auch ganze gesellschaftliche Epochen der beiden Weltmächte, die sich im Kalten Krieg als Erzfeinde gegenüberstanden: RAMBO spielt in den USA in der Post-Vietnam-Ära, ZEMENT rund 50 Jahre früher, kurz nach der Russischen Revolution, der 1922 die Gründung der Sowjet-union durch die siegreichen Bolschewiki folgte. Ist RAMBO PLUSMINUSZEMENT auch eine Spurensuche in Kapitalismus und Sozialismus?

Auf jeden Fall. Der Sozialismus war ein großes Versprechen, das nicht eingelöst wurde. Und da stellt sich die Frage: Warum? Warum ist das Projekt gescheitert? Wo liegen Ursachen? Und vor dieser Fragestellung interessiert mich an Müllers ZEMENT ein Punkt: Wie gehen wir mit unserem Feind um, mit dem, was nicht reinpasst ins System? Das scheint für mich zentral zu sein, wenn man die Ursachen des Scheiterns der sozialistischen Utopie in den Blick kriegen will. Bei Müller findet sich am Ende von
ZEMENT das interessante Motiv: Wir müssen die Feinde verwerten und sie für unsere Zwecke nutzen. Das klingt nach kapitalistischer Logik, und es ist interessant, dass „der Kapitalismus“ diese linksradikale Utopie von Müller aufgenommen hat. Aber mich interessiert das Produktive an dieser Logik. Und das Menschliche. Und das meine ich nicht zynisch. Wenn ich mir die beiden deutschen Staaten anschaue – jeweils als Brenngläser der beiden Systeme, die sich bis zum Mauerfall gegenüberstanden –, dann sehe ich ein eklatantes Auseinanderdriften ab 1968. Nicht umsonst steht „68“ auf der einen Seite für die Hippies, Peace, eine beginnende neue Ära mit Umweltschutz, etc. Und auf der anderen Seite ist „68“ ein Symbol für die Panzer, die durch Prag rollen. Ab diesem Moment bewegen sich beide deutschen Staaten fundamental auseinander: Die Bundesrepublik schafft es – ungeachtet aller harten, auch repressiven Auseinandersetzungen –, Bewegungen wie die RAF oder die Grünen zu integrieren. Im Osten gilt das pure Dogma der Repression und des Ausschaltens. Aber Dinge lassen sich nicht ausschalten. Und da kommt RAMBO ins Spiel: Der Film ist für mich eine sehr kluge Reflexion über den Vietnam-Krieg und den Umgang mit diesem gesellschaftlichen Trauma. Wenn du das Trauma nicht zulässt, dann wird es dich irgendwann überrollen. Ganz Freud-mäßig: Irgendwann geht irgendwo der Gullideckel auf – und meist an Stellen, wo du es nicht erwartest –, und die Scheiße kommt hoch. Da kannst du noch so viel Repression ausüben. Es wird passieren, früher oder später.

Rambo plusminus Zement

In RAMBO ist es ja eine ganze Stadt, die am Schluss in Flammen aufgeht. Regisseur Ted Kotcheff zeigt einen Kriegshelden, der im eigenen Land zum Feind gemacht wird: Von einem Sheriff, der den Ramponierten jagt. Obwohl sie eigentlich auf einer Seite stehen – ein amerikanischer Polizist und ein amerikanischer Soldat. Gibt es aus Deiner Sicht so etwas wie die Sehnsucht nach einem Feind, einem Feindbild – auch im Kapitalismus?

Feindbilder – oder positiver formuliert: Abgrenzungen – schärfen die eigene Position, die eigene Identität, das eigene Ich. Von daher haben Feindbilder eine wichtige, hoch produktive Funktion. Wir wären keine Menschen, hätten wir keine Feindbilder. Krass wird es ja erst, wenn diese politisch instrumentalisiert und verstärkt werden. Oder auf der anderen Seite der Skala: nicht zugelassen werden. Vielleicht auch nicht zugelassen werden können. Ich weiß es nicht. Aber was verunsichert uns eigent-lich, wenn Pegida durch Dresden läuft oder die AfD in einer Talkshow sitzt? Was halten wir da nicht aus? Was macht uns da Angst?

Rambo plusminus Zement

Ein zentrales Scharnier in Deiner Fusions-Textfassung ist eine Prosa-Passage, die Heiner Müller als sogenanntes „Intermedium“ bezeichnet: „Herakles 2 oder Die Hydra“ – über einen Menschen, der sich selbst be-gegnet. Und zwar in Form einer Hydra – also dem mythologischen vielköpfigen Ungeheuer, dem man niemals einen Kopf abschlagen sollte, weil dann sofort an dessen Stelle gleich zwei neue Köpfe wachsen. Das Prinzip Hydra gilt als Gleichnis für Situationen, in denen jeder Versuch der Eindämmung nur zu einer Eskalation führen kann. Hier entsteht für mich eine extrem resonanzstarke Überlagerung der beiden Erzählstränge – wir hören Heiner Müller und sind zugleich beim von Polizei und Nationalgarde eingekesselten John Rambo, in einem Wald irgendwo im amerikanischen Nordwesten.

Müllers Intermedien sind ja wie Brillen, um noch mal anders auf eine verhandelte Situation schauen zu können, sowohl als Zuschauer als auch als Figur des Stücks, die in einer Situation steckt. Und genau so begreife ich auch diesen ganzen Rambo-Plot. Er wird zu einer Art müller’schem Intermedium: Tschumalow (aus ZEMENT) macht als Rambo eine Erfahrung, um danach – wieder zurück in der gleichen Szene – anders handeln zu können. Und was den Herakles-Text angeht: Er beschreibt die Auflösung klarer Feindbilder. Am Anfang des Textes gibt es noch die klare Trennung: Ich, der Gute, hier – da, mir gegenüber, das Tier, das Böse, der zu besiegende Feind. Und plötzlich löst sich diese klare Scheidung auf. Ich bin mit einem Mal Teil des Tiers, ich bin in dem Tier und zugleich ist das Tier in mir. Es ist nicht mehr klar: Wer oder was ist der Feind. Dieses Motiv der Unschärfe gefällt mir sehr.

Rambo plusminus Zement

Deine Inszenierung MINORITY REPORT wurde vom Dortmunder Publikum zur besten Inszenierung 2014/2015 gekürt – Du bist dafür bekannt, große Filmstoffe auf wundersame Art auf der Theaterbühne zum Fliegen zu bringen. Hierfür erfindest Du Zauberwelten aus handgefertigten kleine Miniaturen – bei RAMBO PLUSMINUS ZEMENT sind es über fünfzehn – die, live im Spiel mit den Schauspielern und per Kamera vergrößert, sogar ganze Realzeit-Hubschrauber-Verfolgungsjagden im Theater möglich machen.

Das Interessante an dieser Live-Film-Form ist ja, dass ich als Zuschauer immer beides sehe: die Herstellung der Bilder und die Bilder selber. Im Falle von RAMBO PLUSMINUS ZEMENT kommt noch etwas anderes hinzu: Wir erzählen den Albtraum einer Figur (symbolisch für eine Gesellschaft) und wie sie sich aus diesem Trauma herauszuarbeiten versucht. Und dafür kann man diese Live-Film-Form nutzen: Die Hauptfigur kommt an den Punkt, wo sie hinter den Albtraum schaut, hinter die Bilder – in die Mechanik. Und diese Mechanik zu sehen, mit der die Bilder (die Albträume) hergestellt werden, nimmt den Bildern ihre Macht. Es macht die Hauptfigur souveräner (so wie es die Zuschauer souveräner macht).

Über Anne-Kathrin Schulz

Anne-Kathrin Schulz, geboren in Berlin, arbeitete nach ihrer Ausbildung an der Berliner Journalistenschule u.a. bei der taz, dem SFB Hörfunk und bei MTV London. Von 1998 bis 2000 als Dramaturgieassistentin in der Intendanz von Leander Haussmann am Schauspielhaus Bochum engagiert. 2001 wurde ihr Theaterstück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, für das sie 2002 den Förderpreis der Freunde des Deutschen Schauspielhauses erhielt. Von 2005 bis 2008 arbeitete sie als Assistentin der Künstlerischen Leitung und Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin, 2009 war sie Gastdramaturgin am Theater Aachen. Seit Sommer 2010 ist sie Dramaturgin am Schauspiel Dortmund.

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