WILLE

Selbst von einem Orakelspruch getroffen, verschiebt sich für John Anderton der Fokus. Wenn die eigenen vier Buchstaben auf dem Spiel stehen, lassen sich „menschliche Gefühle, Gedanken und Motive“ nicht mehr so leicht aus der Bilanz halten. Anderton kann sich nicht vorstellen, unter welchen Umständen er sich beim Showdown NICHT dagegen entscheiden können sollte, den Abzug zu drücken und Leo Crow zu töten. Gerade, weil er weiß, er wird es tun. Im Verlauf der Handlung trifft er jede Entscheidung so, dass er Crow Stück für Stück näher kommt. Er will wissen, was da los ist, wer dieser Mann sein soll, den er umbringen wird: Aufklärungsdurst eines Polizisten, den der Precog Agatha bereits einkalkulierte, lange bevor Anderton den ersten Schritt getan hat. Anderton ermittelt nun gegen und für sich selbst, erwartet den Moment der Entscheidung (schieße ich oder schieße ich nicht) nicht mehr von „außen“, sondern lädt ihn von „innen“ mit Befürchtung, Hoffnung und Neugier auf. Kann er Kraft seiner Willensstärke die fest geschmiedete, dicht gefügte Kausalkette aufsprengen, die für Crow den Tod und für ihn ewige Sicherheitsverwahrung vorsieht? Lassen sich Ursache und Wirkung in ihrem engmaschigen Wechselspiel noch in die Parade fahren? Auch ohne Rückendeckung eines MINORITY REPORTS? Eine ziemlich amerikanische Fragestellung, die dem freien und eisernen Willen fast alles zutraut (z.B. dem Individuum den unwahrscheinlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär zu ebnen) – und für die sinnbildlich der gestählte Körper von Tom Cruise steht, der mit schierer Muskelkraft noch die letzte Fessel sprengt.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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