TRIEBFEDER

Objektiv betrachtet gibt es für Anderton kein unlösbares Problem. Die Vernunft möchte ihm in der ihr eigenen Überheblichkeit zurufen: Wirf die Waffe aus dem Fenster. Der objektiven Handlungsfreiheit entspricht auf der Seite des Subjekts die Willensfreiheit. Nichts lässt allerdings vermuten (und das ist ein unamerikanischer Gedanke), dass das Subjekt von innen her grundsätzlich frei wäre. Zwänge existieren innen wie außen. Die moderne Moralphilosophie, ausgehend von Kant, vermutet schon lange, was Neurowissenschaftler in jüngeren Jahren empirisch belegt haben oder zu haben glauben: Der Wille, genauer, das alltägliche Wollen und Wünschen, all die kleinen Entscheidungen an einem Tag, sind entgegen aller realen Wahrnehmung des Einzelnen gerade NICHT FREI, sondern vollständig DETERMINIERT. Sie sind manipuliert und manipulierbar. Und zwar immer, überall. Kant nutzte dafür den Begriff der „Triebfeder“, die noch jede Alltagshandlung einem Zweck unterordnet: der Befriedigung dieses oder jenes Triebs. Keine Entscheidung kann frei sein, die in einem derartigen um-zu-Verhältnis zu ihren Folgen steht und angezogen wird von einem Begehren, das auf Befriedigung aus ist – ein Begehren, das zwar irgendwie dem Subjekt angehörig erscheint, aber dennoch wie ein Fremdes, Bedrohliches agiert.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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