NEGATIVE FREIHEIT

John Anderton, Polizist im Washington D.C. des Jahres 2041, unterscheidet sich von Ödipus und Orest, indem er sich das Wissen um sein unabwendbares Schicksal (ein Mörder zu werden) nutzbar machen will: ausgerechnet, um es abzuwenden. „Ich habe die Wahl!“ sagt er wiederholt. Diese Hoffnung auf eine freie, innere Entscheidung des Individuums, gegen die geifernden
Moiren, gegen alle äußere Determination, ist modern. Orest hätte so noch nicht denken können. Fast noch nicht. Steven Spielberg beginnt seinen Film mit einer amerikanischen Kleinfamilie beim Frühstück. Das Kind büffelt für einen Test in der Schule, eine Rede des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, die sich u.a. auf die Amerikanische Revolution bezieht und die DECLARATION OF INDEPENDANCE von 1776: „Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.“ Der Freiheitsbegriff, der hier aufgerufen wird, nennt sich in der Ideengeschichte NEGATIVE FREIHEIT, das heißt die Freiheit VON etwas, in diesem Fall u.a. von der Bevormundung und Überwachung der Amerikaner durch den britischen Kolonialherrn. (Einer der Auslöser für die Amerikanische Revolution war ein Gesetz, das britischen Beamten willkürliche Hausdurchsuchungen auch von Unverdächtigen ermöglichte, woran Glenn Greenwald in DIE GLOBALE ÜBERWACHUNG erinnert.) Auf den Begriff der negativen Freiheit stößt man häufig im Umfeld von Situationen, die unter dem Gesichtspunkt des Handelns (im doppelten Wortsinne) betrachtet werden, die also von „außen“ analysiert werden. Man fragt: Stehen den betrachteten Menschen alle Optionen zum Handeln zur Verfügung? Sind sie insofern frei? Oder gibt es objektive Zwänge, Restriktionen, die sie daran hindern, zwischen allen gegebenen Optionen auswählen zu können? Ungefähr dieses „frei“ ist gemeint, wenn man heute von der freien Marktwirtschaft spricht.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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