MOIREN ÖDIPUS OREST

Da sind sie wieder, die antiken Moiren, Göttinnen des Schicksals, der Zirkellogik, der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die schon alte Helden und Mörder wie ÖDIPUS oder OREST der Zukunft preisgegeben haben – Vorgänger und Leidensgenossen des FBI-Agenten John Anderton aus MINORITY REPORT. Vor den Sprüchen der antiken Orakel standen die Menschen machtlos. „Ödipus wird eines Tages seinen Vater töten, den König Laios.“ Und dann: Ausgerechnet indem Laios sich vor diesem grauenhaften Schicksal schützen will, setzt sich eine Ereignis-Kette in Gang, die unweigerlich zum Tod des Königs führt. Mord am Vater durch den Sohn. Hat das Orakel also Zukunft vorhergesagt oder produziert? Ist Orakeln ein passives oder ein aktives Geschäft? Und Orest? Der versucht gar nicht erst, sich gegen den Spruch zu wehren. Apollon sagt ihm den Mord an seiner Mutter voraus. Orest geht, obwohl er von Zweifeln geplagt wird, nach Argos, sucht die Mutter und tötet sie. Vorhersage und Auftrag werden eins. Diese Ergebenheit ins Schicksal war in Orests Orakelspruch genauso einkalkuliert wie Laios’ Aufbegehren. Freier Wille? Wie du dich auch verhältst, der Weg zum prophezeiten Ziel ist schon eingeschlagen. Die Moiren haben deinen Lebensfaden längst gesponnen und gespannt. Dein Schicksal in ihn eingearbeitet.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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