KASSIOPEIA

Ist es gut, die Zukunft zu kennen? In Michael Endes Roman MOMO kann die Schildkröte Kassiopeia eine halbe Stunde in die Zukunft sehen, sie ist eine Art Schwester der PRECOGS. Als Momo auf der Suche nach dem Hauptquartier der Grauen Herren ist, dieser Zeit-Diebe, erscheint auf Kassiopeias Panzer die Schrift „Du wirst sie finden!“ Von diesem Augenblick an geht Momo willkürlich durch die Stadt, links, rechts, wie auch immer, schlüpft wahllos durch irgendeinen Zaun und ist am Ziel. Die Vorhersage hat ihr die ungeheure Freiheit verliehen, zu tun und zu lassen, was sie wollte. Ob eine Vorhersage also gut ist („Du wirst sie finden“) oder schlecht („Du wirst deinen Vater töten“) hat anscheinend Folgen für die Frage, ob die daraus entstehende Determination als Freiheit (Momo) oder als schrecklicher Zwang (Ödipus) bewertet wird. Ja – aber! Es gibt in dieser Frage auch Unschärfen: Wolfgang Herrndorf, der Berliner Autor von ARBEIT UND STRUKTUR, hat die Jahre nach seiner Krebsdiagnose, die ihm den sicheren Tod in einem Zeitraum von 6 Monaten bis maximal 3 Jahren voraussagte, kurz vor seinem Ableben als „geilste Zeit“ bezeichnet; die produktivste war es ohnehin, als habe der medizinische Orakelspruch eine Art intensiviertes Lebensgefühl bewirkt, in alle emotionalen Richtungen.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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