ETAPPENSIEG FÜR DIE VERNUNFT

Rache begehren. Anderton betritt das Hotelzimmer, das zum Tatort werden soll. Er begreift, wer Leo Crow ist: Entführer und Mörder seines Sohnes Sammy. Die innere Kausalkette beginnt zu wirken. „Ich hab während der letzten sechs Jahre über zwei Dinge nachgedacht: Erstens, wie Sammy wohl aussehen würde, wenn er noch am Leben wäre. Und zweitens, was ich mit seinem Entführer machen würde.“ Wer experimentell etwas darüber erfahren möchte, wie frappierend unzuverlässig Wahrnehmung, Erinnerung und – noch gesteigert – die Erinnerung an eine Wahrnehmung und die Wahrnehmung einer Erinnerung sind, schaue mit einer Gruppe von Freunden Steven Spielbergs MINORITY REPORT. Am Ende des Films stelle man der Runde die Frage: Was genau ist zwischen John Anderton und Leo Crow während des Showdowns geschehen? Zu Beginn der Probenzeit verwendeten wir eine volle Stunde darauf, die entscheidende Szene wiederholt und in Zeitlupe anzuschauen, annähernd Frame für Frame, um die unterschiedlichen Ansichten darüber zu synchronisieren. HERE IS WHAT REALLY HAPPENS. Sekunden vor dem vorausgesagten Mord beißt Anderton/Cruise noch einmal fest die Zähne zusammen. Agatha flüstert: YOU CAN CHOOSE. Und tatsächlich sprengt der kleine FBI-Agent mit den dicken Armen die fest geschmiedeten Glieder der Kausalkette und ringt seinen inneren Drang nach Rache nieder wie einen übermächtigen Gegner – was ohne die Voraussage des Mordes tatsächlich kaum denkbar erscheint. Die Voraussage hat es der Vernunft gewisser Maßen erlaubt, mit langem Anlauf die Affekte im entscheidenden Moment zu kontrollieren, das Fingerzucken am Abzug zu unterbinden. Er schießt nicht, sondern schlägt den Weg einer Verhaftung innerhalb des Rahmens der Legalität ein, klärt Crow über seine unveräußerlichen Rechte auf usw. Ein Etappensieg für die ~Vernunft, die Freiheit des Willens.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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