JEDER ZUSCHAUER IST TÄTER.

Nikolaus Köhler, hier 2013 in Köln als Teilnehmer des Symposiums "Mein Fernseher spricht nicht mehr mit mir".
Nikolaus Köhler, hier 2013 als Teilnehmer des Symposiums „Mein Fernseher spricht nicht mehr mit mir“ in Köln.

Seit 1998 forscht Prof. Dr. Nikolaus Köhler am Institut für Medienrecht und Gewaltprävention in Wuppertal. Der folgende Text ist ein Vorabdruck seines neuen Theoriebands „Die Medien der Empörung – 10 Einschlafgeschichten für die Revolution“ (edition schneeleopard, 156 Seiten, 14,99€), den wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags hier veröffentlichen dürfen.


Jeder Zuschauer ist Täter. Fünf mediale Grenzübertritte


1.

Als die junge Nachrichtensprecherin Christine Chubbock am Morgen des 15. Juli 1974 auf den Bildschirmen des Publikums erscheint, wirkt alles noch normal. Mit der für sie bekannten Ruhe und Präzision trägt sie die Lokalnachrichten des Senders Channel 40 in Florida vor, lächelt zu Beginn der Sendung mit einem im Nachhinein als verschwörerisch auffallenden Lächeln in die sie konstant aufzeichnende Kamera. Das Regieteam schneidet gewohnt konsequent, die Beiträge über den alljährlichen Kuchenwettbewerb der Gemeinde Sarasota laufen ohne Probleme. Nur der nächste Beitrag über eine örtliche Schießerei vor einem Schnellrestaurant stockt, hat sich im Schneidetisch irgendwie wohl verkantet, will nicht recht laufen. Auf ihrem Tisch leuchtet eine kleine rote Lampe – das Signal für sie, die technische Störung zu überbrücken.

Chubbock lächelt ihr nun so tragisch erscheinendes Lächeln, zuckt mit den Schultern und sagt mit ihrer tiefen, samtenen Stimme: „Um mit den neuesten Sendestandards des Channel 40 Schritt zu halten und Ihnen auch trotz technischer Probleme die neuesten Mord-und-Totschlag-Stories liefern zu können, liefere ich Ihnen nun live und in Farbe einen versuchten Selbstmord.“ Daraufhin zieht sie aus ihrer Hosentasche einen .38-Kaliber-Revolver, schießt sich damit hinter das rechte Ohr und bricht tot vor der laufenden Kamera am Sendepult zusammen.

Es fließt wenig Blut und auch der Schuss des Revolvers ist leise, so dass die meisten Beteiligten im Studio – der junge Kameramann, die erstaunten Cutter, der überforderte Regisseur und der erschrockene Talkgast, der bereits auf der Sitzgruppe wartet – an einen makaberen Scherz, einen unaushaltbaren Streich denken. Erst nachdem der leblose Körper Chubbocks auf dem Sendetisch liegt, sendet die Regie Schwarzbild, geht dann in die Werbung und fädelt ein Notprogramm ein (zwei Filme, eine alte Dokumentation).

Christine Chubbock ist in ihrer Rolle dialektisch: sie vereinigt Opfer und Täterin – das Opfer mit den schweren Depressionen, das sich in ihrem Job unwohl fühlte. Die Täterin, die sich ohne Rücksicht auf Verluste oder traumatisierte Zuschauer während der Morgennachrichten erschießt. Diese Dialektik überträgt sich dabei aber auch auf den Zuschauer selbst: ich bin Opfer, da ich mit dieser fürchterlichen Tat nicht gerechnet habe. Und doch bin ich Täter, weil ich durch mein Verlangen nach sensationsgierenden Sex-and-Crime-Geschichten den Boden für diese so clever inszenierte Tat bereit habe. Heute bin ich Täter, der ich recherchiere, da ich alles über Christine Chubbock, alle Details und alle Beweggründe in einem umfangreichen Wikipedia-Artikel nachlesen kann, und ihr Schicksal auf unzähligen Grusel-Webseiten reproduziert wird. Mein Zusehen ist ein aktiver, kein passiver Part: Ich billige die Tat, ich gebe die Zustimmung zum Mord. Meine Erschrockenheit ist nur der Schock über das Ungewohnte der Tat: in den Nachrichten sehe ich tagtäglich Berichte über Genozide, Mord und Selbstmorde, Flüchtlingsdramen, Familiendramen, Wirtschaftsdramen, Liebesdramen. Erst die ungewohnte Nähe zur Tat, die mir so als Zuschauer nie bewusst ist, bringt sie mir unangenehm nahe. Ich fühle Abscheu, obwohl ich Schuld fühlen müsste. Dadurch bin ich verwirrt. So sagt es auch der Priester in seiner Trauerrede bei Chubbocks Seebestattung: „We suffer at our sense of loss, we are frightened by her rage, we are guilty in the face of her rejection, we are hurt by her choice of isolation and we are confused by her message.


2.

Wir stecken in einer Schleife fest. Die Medien berichten über Spektakel, dieses befeuert unsere Gier nach mehr Spektakel, das Fernsehen sendet noch mehr Spektakel, dieses wiederum… und so weiter ad infinitum. Das Spektakel schraubt sich immer nach oben, bis das Maximum an Spektakel erreicht ist. Mit dem Tod des linearen Fernsehens, wie wir es kennen, stirbt auch endgültig (falls es überhaupt je existiert hat) das Modell vom strikten Sender und passiven Empfänger. Der Zuschauer heute empfängt nicht mehr, sondern sendet zurück. Das Medium ist zu einem einzigen, großen Resonanzraum geworden, in dem die Utopien der Gegenwart, die spukenden Geister der Vergangenheit, die großen Konflikte der Zukunft brodeln.

Es gibt, schreibt Adorno, weder Schönheit noch Trost mehr außer im Blick, der aufs Grauen geht und diesem standhält. Dieses ist im Medium nicht mehr möglich: fast kein Bericht über IS-Hinrichtungen, über Flüchtlingsdramen im Mittelmeer, über rechten Terrorismus ist wirklich voller Grauen, sondern bloß mediatisiert – gekleidet in ein Gewand aus Reporterfloskeln, üblichen Schnittfolgen, hundertfach gehörten An- und Abmoderationen.

Wir können dem Grauen nicht mehr standhalten und im Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhalten. Unser Blick geht nicht mehr in das Grauen hinein, sondern auf die Oberfläche dessen. Unsere Empörung und unser Bewusstsein darüber wird gemaßregelt. Wir sind abgestumpft, fühlen uns aber empört. Wir sind zum Fühlen unfähig, aber zum echauffierten Schnauben in der Lage. Wir sind nicht mehr autonom; wir sind müde und fühlen uns aber hellwach.


3.

Der Kulturkritiker Georg Seeßlen schreibt, in einer Postdemokratie gibt es keinen Journalismus mehr. Journalismus werde zerfallen und man müsse dann schauen, was aus den Zerfallsprodukten wird. Was wir derzeit vorfinden, ist eine Repräsentation des Journalismus – und auch die Gefühle, die er transportiert, sind Repräsentationen, Chimären, Abziehbilder. In den Medien herrscht daher künstlich geschaffene Dauer-Empörung und Dauer-Mitgefühl und Dauer-Depression und Dauer-Orgasmus, damit man vor lauter Spektakel und Beschäftigung nicht hinter die Oberfläche schauen kann, hinter der sich auch gar nichts mehr befindet. Die Empörung erstickt alle echten Impulse für eine gerechtere Wirklichkeit.

Ähnlich operiert sie zeitlich: es gibt in diesem Dauerbombardement der Emotionen, dem ständig schwelenden Flächenbrand der Close-Ups und Musikunterlegungen keine Vergangenheit oder Zukunft mehr, sondern nur noch bis ins Unendliche verlängerte Gegenwart. Unsere Vergangenheit findet in durchstandardisierten Dokumentationen auf dem Geschichtskanal oder in formelhaften Tagesschau-Beiträgen zum Volkstrauertag statt. Unsere Zukunft bricht sich nur dann und wann in Wissenschaftssendungen oder Berichten über Parteitagsbeschlüssen Bahn. Wir sind jeglicher Vektorenpfeile in eine andere Gesellschaft beraubt.


4.

Die Kamera sanktioniert und diszipliniert. Als im Sommer 2015 Angela Merkel im NDR zu Gast war und einem von der Abschiebung bedrohten palästinensischem Mädchen die Beschissenheit der Dinge aufzeigte, begann dieses zu weinen. Merkel ging ungelenk zu ihr hin und versuchte, sie zu trösten. Für diese Psychopolitik hagelte es Kritik von allen Seiten. Nur kurze Zeit später dann der Backlash: Was hätte sie, die Kanzlerin, vor laufender Kamera denn auch tun sollen? Sie hätte doch wohl schlecht in die Kamera sagen können, das Mädchen werde nicht abgeschoben? Sie hätte wohl kaum für all die Kameras darüber hinweggehen können?

In diesen Sätzen liegt der Gedanke, dass eine laufende Kamera den Handlungsspielraum eines Individuums verringert. Wer gefilmt wird, verhält sich regelkonform. Die Kamera starrt uns an – und wir können nicht zurück starren. Die Kamera ist der Große Andere. Früher hätte man noch gesagt: Das Über-Ich. Sobald das Licht auf ihr leuchtet und wir auf Sendung sind, sind wir ihr ausgeliefert. Auf der Bühne sehen wir in die lebenden, blinzelnden Augen. Im Fernsehstudio haben wir nur ein stilles, lebloses Objektiv.  Wir sind sogar dazu angehalten, bei Interviews nicht in die Kamera zu sehen. Es wirke nicht authentisch, sagt man uns.

Thomas Gottschalk oder Markus Lanz, Bodo Aschenbach oder Dieter Thomas Heck haben das Privileg als Moderator, in die Kamera schauen zu dürfen. Sie werden damit automatisch zur Autorität und Respektsperson, der man sich unterordnet. Wer diese Ordnung stört (aufmüpfige Gäste, FEMEN-Demonstranten), wird sofort aus dem Studio geleitet.


5.

Jedes politische System und dessen Erhaltung beruht auf Gewalt, die wir im Alltag verdrängen. Gewalt in den Medien ist ein Kanal, durch die die von uns verdrängte Gewalt dann zum Ausdruck kommt. Jede Dschungelprüfung ist ein Gewaltakt. Jeder Anruf beim Zuschauervoting ist ein Gewaltakt. Jeder Samstagabend mit Chips und Bier vorm Fernseher ist ein Gewaltakt.

Die Medienanstalten stabilisieren also das herrschende System durch die Produktion von Empörung und die Kompensation von Gewalt. Damit stabilisieren sie aber letztendlich auch die Gewalt selbst.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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