IRREN IST MENSCHLICH? – MEMORY ALPHA

Uraufführung

MEMORY ALPHA ODER DIE ZEIT DER AUGENZEUGEN

von Anne-Kathrin Schulz

Mit: Christian Freund, Caroline Hanke, Uwe Schmieder und Friederike Tiefenbacher

Regie: Ed. Hauswirth | Bühne und Graphic Art: Susanne Priebs | Kostüme: Vanessa Rust | Film-Still-Photography: Laura N. Junghanns | Video-Operator: Julia Gründer | Musik: Sebastian Spielvogel | Licht: Sibylle Stuck | Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer | Engineering: Lucas Pleß

Premiere am 6. April 2018 im Studio / Schauspiel Dortmund
Aufführungsdauer: 95 Minuten


Termine und Tickets


Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder

 

Bereits 2020 will die chinesische Regierung ein landesweites Scoring-System in Betrieb nehmen, das das Verhalten jedes Bürgers elektronisch speichert und bewertet. Jede/r in China wird dann mit einem Punktestand durchs Leben gehen, der seine/ihre Reputation widerspiegeln soll. Dieser „social score“ wird permanent aktualisiert: Der Mensch kann Punkte und damit Privilegien gewinnen, aber auch verlieren – je nachdem, was man online und offline so tut. Technologisch ist das kein Problem. Daten vonOnline-Plattformen können genauso einfließen wie die Meldungen von Mitbürgern – und alles Mögliche kann von Interesse sein: Z.B. wie gut man seine Arbeit macht, was man einkauft, wie schnell man seine Rechnungen bezahlt, welche Seiten man im Internet liest oder auch wie oft man bei Rot über die Straße geht. Die Vision: Die Schaffung eines elektronischen Gedächtnisses, mit dessen Hilfe die Bürger dazu erzogen werden sollen, bessere Menschen zu werden. Denn ein niedriger Punktestand kann unangenehme Konsequenzen haben…

Uwe Schmieder
Christian Freund, Friederike Tiefenbacher

 

Der Mensch, das Gedächtnis und ein Autounfall, der die Zeit auf den Kopf stellt: Dr. Gerd Stein, Leiter des renommierten Instituts für Digitalität und Gedächtnis, wird auf einer Brüsseler Straße von einem Auto zerquetscht, kurz nachdem er im Europaparlament öffentlich vor der geplanten chinesischen Super-SCHUFA gewarnt hat. Wer saß hinterm Lenkrad? Stein begibt sich auf Spurensuche rückwärts durch die Zeit. Knapp zwei Monate zuvor hatte seine Frau, die Gedächtnis-Forscherin Johanna Kleinert, mit der natürlichen Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses experimentiert:

Im Rahmen einer epochalen False-Memory-Studie hackte Kleinert das Gedächtnis ihres Probanden Sebastian Grünfeld – und zwar so, dass dieser sich nun hochpräzise an ein Erlebnis erinnert, welches es nie gegeben hat. Und dann ist da noch Steins Schwester Charlotte – eine von 57 weltweit bekannten Menschen, die schwer vergessen können…

Caroline Hanke

 

Das menschliche Gehirn ist die komplexeste Struktur im uns bekannten Universum. Doch wie gut und sicher kann es Erinnerungen abspeichern – und was bedeutet das für unser Gefühl von Vergangenheit, Identität und für unsere Definition vom Menschsein? Wie werden die Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses und die wahnsinnigen Kapazitäten von elektronischen Gedächtnissen aufeinander treffen? Wird es bald eine Zeit geben, in der der Satz „Irren ist menschlich“ nicht mehr gilt?

Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke, Christian Freund

 


 


Regisseur Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof. Die freie Grazer Gruppe versteht sich als zeitgenössisches Volkstheater, das sich seit seinen Anfängen mit europäischer Identität auseinandersetzt. Das TiB kombiniert Unterhaltung mit unkonventionellen Formen, bewegt sich vom Bekannten ins Unbekannte, sucht mögliche und unmögliche Spielräume. Der 1965 in der Steiermark geborene Regisseur inszenierte u.a. Drei Schwestern von Anton Tschechow, Graz fliegt (Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas Graz 2003), Burgtheater von Elfriede Jelinek, Europa, Europa und Warmanziehen.

Am Schauspiel Dortmund gab er 2016 sein Debüt mit der hoch gelobten Stückentwicklung Die Liebe in Zeiten der Glasfaser. Ein Stück Skype, gefolgt von Triumph der Freiheit nach Joël Pommerat.

Autorin Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2001 wurde ihr Stück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ebenfalls 2003 entstand nach ihrer Kurzgeschichte Bericht vom Rand der Festung der Kurzfilm Nobody Kers (Regie: Philipp Reuter, Ruhrgebietspreis 2003). Seit 2000 auch Arbeit als Dramaturgin, z.B. am Schauspiel Bochum, dem Deutschen Theater Berlin und (seit 2010) am Schauspiel Dortmund, wo sie z. B. Mike Daiseys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs und TRUMP ins Deutsche übersetzte sowie Co-Autorin von DIE SHOW war. 2016 wurde Die Schwarze Flotte in der Regie von Kay Voges uraufgeführt.


Weiterführende Informationen:

Einige Presseberichte zum geplanten chinesischen Social Score System

 

Zwei Vorträge vom letztjährigen Chaos Communication Congress

Katika Kühnreich: „Gamified Control? China’s Social Credit Systems“:

 

Tijmen Schep: „ Social Cooling – big data’s unintended side effect

Pressebericht zum trügerischen Gedächtnis

“Erinnern ist auch erfinden” (Deutschlandfunk Kultur, 9.12.2016)


 

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.