BILDER UND IHRE ECHOS

bilder und ihre echos

das sehen und das phänomen der nachbilder

Unser Sehvermögen ist das Ergebnis wundersamer Vorgänge zwischen Physik und Biochemie. Wenn Licht ins Auge fällt, strahlt es durch Hornhaut, Pupille und Linse und wird auf diesem Weg so präzise durch den Glaskörper gelenkt, dass es genau einen besonderen Punkt auf der Netzhaut trifft – den des schärfsten Sehens. Dort ist sie am höchsten, die Konzentration der elektrochemischen Wunderwerke, die wir Sehzellen oder Fotorezeptoren nennen. Grob sortiert schauen wir hier auf zwei Gruppen: „Stäbchen“ (für hell und dunkel) und „Zapfen“ (für das Sehen von Farben). Von letzteren haben wir drei Sorten – empfindlich entweder für rötliche, bläuliche oder grünliche Lichtwellen. Der Goldfisch hat noch eine vierte Zapfenart, genau wie viele Vögel: Sie können auch Lichtwellen aus dem UV-Bereich sehen – ob ihre Welt farbiger ist als die unsere? Das menschliche Auge jedenfalls kann tagsüber viele Millionen verschiedene Farbnuancen wahrnehmen. Nachts sind alle Katzen grau.

Wenn durch geöffnete Augen Lichtwellen auf die Sehzellen treffen, übersetzen diese Sehzellen die Licht-Energie mit Hilfe von biochemischen Botenstoffen in elektrische Impulse. Diese finden dann über den Sehnerv den Weg ins Sehzentrum des Gehirns – wo die Bilder derjenigen Szenarien entstehen, die wir angeblickt haben.

Und wenn unsere Augen nichts sehen können? Wer in plötzliches Dunkel schaut, dem erscheinen bisweilen geisterhafte Phantombilder, Nachbilder. Wenn wir etwas sehen und dann plötzlich nicht mehr – wie zum Beispiel bei einem Blitz an einem dunklen Ort –, können wir manchmal das visuelle Echo genau jenes Augenblicks erleben, der gerade vergangen ist.

Manchmal bleibt dabei die Welt bestehen, wie sie war – ein heller Raum mit Menschen schimmert in der plötzlichen Dunkelheit genau so weiter: als helles Viereck mit dunkleren Silhouetten.

Manchmal aber kehrt sich die Welt um: Aus weiß wird schwarz, und auch Farben wechseln. Diese sogenannten „negativen Nachbilder“ entstehen durch die Ermüdung einiger Sehzellen: Der ursprüngliche Lichtreiz war dann so intensiv, dass sich das biochemische Potential der durch diesen Lichtreiz aktivierten Sehzellen vorrübergehend erschöpft hat und sie kurz inaktiv werden. Blickt man nun auf eine einfarbige Fläche, senden nur die vorher nicht stark geforderten Sehzellen weiter Impulse ans Gehirn – die „müden“ jedoch nur ein inaktives Signal. So entsteht im Gehirn ein imaginäres Bild, in den Komplementärfarben des Originalbildes.

Als Beispiel für dieses Phänomen folgende Einladung: Blicken Sie für circa vierzig Sekunden auf die untenstehende Abbildung, und sofort danach auf die weiße Fläche darunter. Können Sie die italienische Flagge schimmern sehen?

Bild: PCessna/Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Anne-Kathrin Schulz

Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin, schrieb die Theaterstücke "Unter Land" (UA Junges Theater Göttingen) und "Silly Songs" (UA Schauspielhaus Hamburg), arbeitete am Schauspiel Bochum und dem Deutschen Theater Berlin und ist seit 2010 Dramaturgin am Schauspiel Dortmund sowie Lehrbeauftragte im Masterstudiengang Szenografie der FH Dortmund. 2015 schrieb sie mit Kay Voges und Alexander Kerlin „Die Show“, 2018 zusammen mit Jörg Buttgereit „Im Studio hört dich niemand schreien“, seit 2012 auch Arbeit als Übersetzerin („The Agony and the Ecstacy of Steve Jobs“, „TRUMP“ sowie die Theaterfassung von Laurie Pennys Roman „Everything Belongs To The Future“). 2016 wurde Schulz‘ Theaterstück „Die Schwarze Flotte“ am Schauspiel Dortmund von Kay Voges uraufgeführt, 2017 folgte „Memory Alpha oder Die Zeit der Augenzeugen“ (Regie: Ed. Hauswirth).

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