ABC DER LIEBE IN ZEITEN DER GLASFASER

Aalborg Viertgrößte Stadt in Dänemark, ganz oben am Limfjord. Auch im Sommer wird es nicht wärmer als 20°. Zahl der Regentage im Jahr: 120. →Breslau, →Rom

ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) Phänomen der Netzkultur, auf Youtube mit mehr als zwei Millionen Videos vertreten. Durch akustische Sinnesreizung durch Flüstern, Rascheln, Klappern oder Reiben wird ein Kopfkribbeln ausgelöst, das vom Hörer als beruhigend empfunden wird und ihm über Gefühle der →Entbindung an Regentagen (→Aalborg) hinweg hilft. Ist in der →Mediensoziologie vermutlich eher ein abseitiges Forschungsthema, wenn überhaupt.

Avanessian, Armen Armenisch-österreichischer Philosoph des „Akzelerationalismus“ (= Akzeleration + Rationalismus, d.h. so eine Art Vernunft der Beschleunigung). Akzentuiert die zunehmende Beschleunigung im modernen Kapitalismus, z.B. im Bereich der Automatisierung von Produktionsprozessen. Geht davon aus, dass die Zerstörung des Kapitalismus möglich ist, indem man noch schneller agiert als er.

Aufbruch Kommt häufig mit einer melancholischen Mélange aus Euphorie und Trennungsschmerz, den Vorboten von Abenteuer und Heimweh (den Vorboten von für immer Wegbleiben (→Entbindung) und umgehender Rückkehr).

Bassi, Leo Selbsternannter „gefährlichster Clown der Welt“. Bekannt für seine publikumswirksamen und kapitalismuskritischen Aktionen. Besonderes Aufsehen erregte er durch Selbst-Teerung und -Federung sowie ein Bad in Nutella. Cola-Dosen als Sprengstoffgürtel zu nutzen, ist ebenfalls eine Idee, die aufs Konto des Terror-Clowns geht.

BLC (Business Leadership Competence) Zu Deutsch „Führungskompetenz im Unternehmen“. Förderprogramm für vielversprechende IKEA-Angestellte. Lockt mit der Aussicht auf einen Arbeitsalltag voller Herausforderungen, Abenteuer und Verantwortung. Unmittelbarer Lohn: zufriedene Kunden an der Warenausgabe. Mittelbarer Lohn: Autorität, Sicherheit, Anerkennung. Unbestreitbare Gefahr: Ausgesiebt werden.

Breslau Polnische Großstadt mit dem günstigsten Verhältnis von Grünfläche zu Einwohnerzahl in ganz Polen. 2016 Kulturhauptstadt Europas. Regentage im Jahr: 99. →Aalborg, →Fuck (Y)Europe, →Rom

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Chatroulette.com Online-Dienst für weltweiten one-on-one Video-Chat, seit 2009. User werden per Zufallsgenerator miteinander verbunden und können im Falle von Langeweile, Ekel, Lachkrampf o.ä. zum nächsten Chat-Partner wechseln (zurückgehen geht nicht, →Fundgrube). Was als sympathische Idee für die multikulturelle Sache begann und um 2010 ein beliebter Partyspaß war, endete wie fast alles, mit Sex. 13 % der Nutzer sind heute unbekleidet oder masturbieren. Als Verkaufsplattform für Kühlschränke ziemlich unwahrscheinlich.

Cut Piece Performance der Fluxus-Künstlerin Yoko Ono von 1964. Indem das Publikum die Kleidung der Performerin zerschnitt, wurde ihr Körper entblößt. Thematisierte die Wechselwirkung zwischen Betrachter und (weiblichem Körper als) Objekt, „zwischen Exhibitionismus und dem Verlangen nach Betrachtung“. Gleichzeitig durchbricht die Aufführung die Grenze zwischen Kunst und Leben. →Stückentwicklung, →Weiblicher Blick

Durchschnittlichkeit In der Leistungsgesellschaft eher negativ konnotierte Eigenschaft, die jedoch häufig über den begrifflichen Umweg des „Normalen“ in etwas Völkisch-Positives umgedeutet wird: Der selbsternannte durchschnittliche Deutsche findet, er sei der Normale, d.h. die Norm, d.h. das Eigentliche, d.h. derjenige, von dem alle anderen eine Abweichung und damit eine Bedrohung darstellen. Legitimiert das „Wir“ in idiotischen „Wir sind das Volk“-Rufen (Clausnitz, Bautzen, Anderswo).

Entbindung Befreiung oder Loslösung von einem wesentlichen Gegenstand, Mensch oder Lebensraum. Symptome, die eine bevorstehende Entbindung ankündigen sind Erbrechen, starke Schmerzen oder schlechter Empfang. →ASMR, →Masterarbeit

Erasmus Förderprogramm der EU für studentische Auslandsaufenthalte und Teil der Europa-Initiative „Lebenslanges Lernen“. Berüchtigt bei tausenden Studierenden (in ganz Europa) als Wundertüte voller Freiheit. Gerne werden Erasmus-Aufenthalte dazu genutzt, Erfahrungen jenseits der Uni-Pflichten zu machen, z.B. in Sachen Liebe oder →Entbindung.

Flexibilität Die Kunst der Biegsamkeit, Anpassung, Spontaneität. Wer sie beherrscht, hat einen Wettbewerbsvorteil im Berufsleben, z.B. im →BLC. Für altmodische Ideen wie geregelte Arbeitszeiten oder langfristige Verwurzelung an einem Ort hat sie nur ein müdes Lächeln übrig.

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Fontana di Trevi oder auch Trevi-Brunnen (→Rom). Bekanntester Brunnen der Welt, über den übereinstimmend berichtet wird, dass er auf Fotos größer wirke als in echt. So wie eben vieles auf Fotos größer oder kleiner wirken kann, als in echt, die Liebe zum Beispiel.

Fuck (Y)Europe Sprich: Fack-Juu-Ropp. Arbeitstitel eines internationalen Theaterexperiments über die Krise Europas in →Breslau (→Polen). Gibt es natürlich nicht in Wirklichkeit, aber interessant klingt es schon. Ziemlich politisch.

Fundgrube Paradies für Schnäppchenjäger in der lokalen IKEA-Filiale. International standardisiert vor der Kasse rechts zu finden, enthält sie Ausstellungstücke, beschädigte Ware oder Auslaufmodelle. Wer hier zuschlägt ist mit dem extra Glück beschert, seine Ware selbstständig abbauen zu dürfen, sie auf eigene Gefahr nach Hause zu transportieren und zum Schluss wieder zusammenzusetzen (Umtausch ausgeschlossen, →Chatroulette.com). →Ingvar Kamprad

Glasfaser Die handwerklichen Grundlagen zur Herstellung der G. entstanden im 18. Jh. im Thüringer Wald, als Glasbläser versuchten, Feen- und Engelshaar aus Glasschmelze zu ziehen. Was die Bläser damals nicht wissen konnten: 250 Jahre später wird ihr Engelshaar u.a. als Lichtwellenleiter genutzt, um z.B. Bilder von Liebenden in Echtzeit um den Erdball zu schicken. Die G. ist sehr witterungsbeständig, chemisch resistent und auch bei heißen Inhalten unbrennbar.

Kamprad, Ingvar Feodor Schwedischer vielfacher Milliardär, Erfinder von IKEA und vorbildlicher Sparfuchs. Am Tag der Premiere von DLIZDG einen Monat und fünf Tage vor seinem neunzigsten Geburtstag. Angesichts dieses runden Jubiläums steht an dieser Stelle dezidiert kein Wort über K.s ganz spezielles Verhältnis zum Nationalsozialismus. Wer dafür sorgt, dass Menschen in Jerusalem, →Rom und Riad in der gleichen Küche sitzen, kann kein schlechter Mensch sein. →Fundgrube

Masterarbeit Nachweis zum Abschluss eines Studiums über die Fähigkeit eine wissenschaftliche Arbeit selbstständig abfassen zu können. Wichtigstes Scharnier zwischen Campus und Berufsleben und daher immer wieder (fast in jedem Fall?) Anlass zu Lebenskrisen existentiellen Ausmaßes, Quarter-Life-Depressionen und Emanzipationsbewegungen, z.B. weg von allzu dominanten Lehrerpersönlichkeiten. →Entbindung, →ASMR

Mediensoziologie Nischendisziplin und spezielle Ausprägung der Soziologie (lat. socius: der Gefährte). Es ist weitestgehend unklar, was das Fach soll – wenn es doch Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie Medienphilosophie gibt. Trotzdem geht eine Handvoll Mediensoziologen tapfer ihrem aufklärerischen Impuls nach: zu erforschen, was die Massenmedien mit den Menschen und die Menschen mit den Massenmedien tun (→ASMR, →Masterarbeit). Dabei fokussieren sie gerne „kybernetische Interaktionsmedien“ (= Computer am Netz), und zwar nicht mehr nur die bloße „Mitteilung der Kommunikation“, sondern am allerliebsten die „individuelle Gestalt- und Steuerbarkeit der Mitteilung“.

MILF bzw. DILF (Mother bzw. Daddy I’d like to fuck) Vulgärsprachliche Anerkennung für Menschen fortgeschrittenen Alters (heißt heute: so ab 30) mit Kindern, die sexuell attraktiv geblieben sind – durch gute Gene, gewissenhafte Rückbildung, innere Ausgeglichenheit, appetitlichen Eigenduft oder all das zusammen.

Polen „Noch ein Rechtsstaat? Die EU-Kommission beginnt eine umfassende Prüfung der umstrittenen Reformen in Polen. Am Ende könnte das Land sein Stimmrecht verlieren. Ministerpräsidentin Szydlo spricht von Verleumdungen aus dem Ausland.“ (FAZ, 13.1.2016)

Resonanz Zentraler Begriff des Soziologen Harmut Rosa im Rahmen seiner Frage nach dem „gelingenden Leben“. Eine Beziehung der R. liegt vor, wenn sich Mensch und Welt (z.B. anderer Mensch, Ding, Artefakt) wechselseitig wahrhaftig antworten. Besonders häufig empfindet Mensch R. im Dialog mit Natur, Musik oder Religion.

Rom Die Ewige Stadt der Liebe an den Ufern des Flusses Tiber. Zahl der Regentage im Jahr: 69. →Aalborg, →Fontana di Trevi

Schnee Vom indoeuropäischen sneigṵh für „sich zusammenballen“, „zusammenkleben“. Fluffiger, weißer Niederschlag aus feinen Eiskristallen. Nur solange schön und unschuldig, wie er Maß hält. Zuviel S. bedeutet, ganz allgemein gesprochen: Gefahr (von oben).

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Stückentwicklung Theaterfachausdruck. Bei einer S. gibt es zu Probenbeginn keinen fertigen Text, sondern ein Set von Ideen und Methoden zur Texterstellung. U.a. wird bei Improvisationen mitgeschrieben und von dort aus immer weiterentwickelt. Dabei entsteht keine durchgeformte Literatur, sondern im besten Falle Figuren und Szenen, die zugleich so nah an und so fern von der Lebensrealität der Schauspieler sind, dass eine →Wahrhaftigkeit ohne die Peinlichkeit einer Nabelschau entsteht.

Tischtennis oder auch Ping Pong, Whiff Waff oder Flim Flam ist eine olympische Sportart mit geringem Coolnessfaktor, gilt jedoch als schnellste Rückschlagsportart der Welt und hat damit etwas von einem guten Komödiendialog.

Wahrhaftigkeit Forderung, die nicht selten in Bezug auf die Menschendarstellung aufgestellt wird, z.B. in Regieanweisungen (→Fuck (Y)Europe). Gerät schnell an Grenzen, besonders auf der Bühne: Wie stellt ein Schauspieler Menschen wahrhaftig dar, die z.B. sterben oder denen Gewalt angetan wird? Rhetorische Frage: Ist nicht die Forderung nach W. angesichts des Undarstellbaren oder Grausamen selbst eine Form von Missbrauch am Schauspieler? →Stückentwicklung

Weiblicher Blick Akt-Fotografien von weiblichen Fotografen haben häufig eine kategorisch andere Aura als die von männlichen. Wo der weibliche Blick Schönheit in der Form sieht und subtile Erotik inszeniert, akzentuiert der männliche Blick das bloße sexuelle Angebot. Der weibliche Blick zeigt, was er nicht zeigt. Der männliche zeigt, was er zeigt, was er zeigt.

Wolf-Adam Doppelname, der in sich den ersten Menschen und den Tier-König des nordischen Walds vereint. →Aalborg

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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