ZWISCHEN PRÄGUNG UND PROJEKTION

Einige Gedanken zu Bühnen- und Kostümbild von Ayad Akhtars „Geächtet“ in der Dortmunder Inszenierung

Ayad Akhtar siedelt das Abenddinner der beiden befreundeten Paare im vornehmsten Viertel New Yorks an, der Upper East Side. In unmittelbarer Nähe liegt auch das „Whitney Museum of American Art“, an dem Isaac als Kurator arbeitet. Das „Whitney“, wie es im Stück heißt, beheimatet eine der wichtigsten Sammlungen amerikanischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, u.a. auch Werke von Jasper Johns (* 1930). Jasper Johns gilt ähnlich wie Robert Rauschenberg als eine Art Bindeglied zwischen den abstrakten Expressionisten und der amerikanischen Pop-Art.

Geächtet (Disgraced)

Damit sind gleich zwei Elemente benannt, die für die Ausformulierungen des Bühnenbilds und der Kostüme nachhaltig Impulse setzen: Die Kostüme, entworfen von Mona Ulrich, führen in die factory eines Andy Warhol, globale Ikone der amerikanischen Pop Art. Das Bühnenbild, kreiert und umgesetzt von Michael Sieberock-Serafimowitsch, ruft die „White Flag“ von Jasper Johns ins Gedächtnis (heute im MOMA in New York). Für die „White Flag“, eine Art ausgebleichte US-amerikanischen Nationalflagge, verwendete Jasper Johns 1955 Öl und Enkaustik – eine Malerei, bei der Pigmente mit schnellaushärtendem Bienenwachs gemischt werden. Die Oberflächenstruktur der „White Flag“ ist dementsprechend rauh, reliefartig, scharfkantig strukturiert. Die „White Flag“ von Jasper Johns wirkt wie eine Art Stempel oder Prägung und führt – mit anderen Gemälden aus seiner Flaggenserie – seine Auseinandersetzung mit den Themen Abstraktion und Repräsentation des Nationalen fort.

Diesen Gedanken aufnehmend öffnet sich das Bühnenbild von „Geächtet“ in einen unsichtbar geteilten, vierfachen Raum – markiert aus den Flaggen der Afrikanischen Union, von Pakistan, den USA und Israel. Aus allen vier Räumen ist die Farbe verschwunden; das Nationale, das den repräsentierenden Flaggen vormals anhaftete, ist entwichen. Übrig bleiben Konturen, Schattierungen, Reliefe, Strukturen, an denen man sich reibt und reißt. Wenn auch bar jeder Farbe haben die Überreste prägenden Einfluss auf ihre „Bewohner“…

GeŠchtet (Disgraced)

Auf diese „Hintergründe“, ein über die Maßen strapazierter Begriff in Debatten um Migration, Interkultur und Gesellschaft, wirft der Video-Künstler Mario Simon Projektionen: farbig, assoziativ, mitunter die entwichene Farbe der einstigen Flaggen: Zwischen Bühnenbild und Video-Art – zwischen Prägung und Projektion – bewegen sich die Spieler, respektive ihre Figuren. Allesamt geprägt von differenten kulturellen, ethnischen und religiösen Einflüssen, die sie nicht loswerden können oder wollen. Jeder und jede trägt Bilder, Vorstellungen, Projektionen von sich und dem anderen. Die Bilder und Repräsentationen, die niemand loswerden kann. Der Blick, der das Gegenüber erst zu dem macht, was er ist, was er sein soll – Objekt und Subjekt zugleich. Keiner der Figuren existiert ohne den Blick des anderen, kann den Vorstellungen des anderen entkommen. „Schwarze Haut, weiße Masken“ – so lautete der Titel eines Buches von Frantz Fanon, ebenfalls aus den 1950er Jahren wie die „White Flag“ von Jasper Johns. Nach Fanon, ganz in der Sartre’schen Tradition der Phänomenologie des Blicks (Das Sein und das Nichts), trägt „der Schwarze“ unter den Blicken „des Weißen“ eine fremde Maske. Das Eigene verleugnend nimmt „der Schwarze“ in Gesellschaft „des Weißen“ ihm fremde Gesten, eine fremde Sprache an, legt das Eigene ab, verleugnet es.

Die Einladung ans Publikum sind die Gemälde, die Emily in idealisierender Übernahme islamischer Kunstformen schafft. Sie malt ein Porträt ihres amerikanischen, pakistanisch-stämmigen Mannes: Amir, der muslimische Apostat, tritt dem weißen, jüdischen Kurator Isaac auf Emilys Gemälde mit „Scham, Wut, Stolz“ entgegen. Doch: Wer empfindet dies? Isaac in der Betrachtung? Emily im Akt des Malens? Oder Amir, weil er tatsächlich so ist – oder weil ihn die übrigen so sehen wollen? Das Bild, um das es geht, ist (in Dortmund) weiß – oder eine additive Mischung gleicher Intensitäten der Farben rot, grün, blau. Es ist weiß wie die Wände bar jeder Farbe sind, weiß wie die geweißte Haut der Akteure – oder eben eine Mischung aus rot, grün, blau. Wir Zuschauerinnen und Zuschauer sind eingeladen, die Blicke in der Inszenierung zu deuten, unsere eigenen zu überprüfen und zuletzt: den Kern von Amirs Emotionen anzuerkennen…

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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