5 FRAGEN AN KAY VOGES ZU „GEÄCHTET“ VON AYAD AKHTAR

Der Text der zweiten Premiere im Megastore, unserer Ausweichspielstätte in Dortmund-Hörde, stammt von Ayad Akhtar, einem pakistanisch-amerikanischen Autor aus New York. Sein Stück „Geächtet“ (Disgraced) ist 2012 uraufgeführt und hat 2013 den renommierten Pulitzer-Preis gewonnen. Worum geht’s?

Im Zentrum des Stücks steht eine New Yorker Dinner-Party: Zwei Paare treffen sich, alles ist sehr distinguiert, man kennt die feinen Unterschiede. Alle vier haben gutdotierte Jobs und pflegen einen ähnlichen Lebensstil. Ihr Witz ist schnell und scharf. Man versteht sich, Ironie und Sarkasmus gehören zum guten Ton. Ihr Parlieren geht so lange gut – so lange sie ihr Gespräch nicht auf das Thema Religion führt. Denn das ist das besondere: die Konstellation der beiden Paare. Emily und Amir sind seit Jahren verheiratet; sie – jung, weiß, christlich geprägt – ist eine aufstrebende Malerin mit einem erklärten Faible für islamische Kunst und steht kurz vor ihrer Entdeckung. Ihr Mann Amir ist amerikanischer Muslim, seine Eltern stammen aus Pakistan – bei seinem Arbeitgeber, einer erfolgreichen jüdischen Anwaltkanzlei, hat er allerdings einen geänderten Nachnamen angegeben: „Kapoor“ klinge unverdächtiger als sein wahrer Nachname „Abdullah“, so fand er bei der Einstellung. Aber noch viel mehr: Seit Jahren versucht Amir, die Spuren seiner Religion und die islamischen Wurzeln in sich auszumerzen – er ist Apostat, hat dem Islam abgeschworen, ja, hasst ihn regelrecht. Jory und Isaac sind das zweite Paar: Sie, Afroamerikanerin, vielleicht aus der Bronx, arbeitet mit Amir in derselben Kanzlei und ist hinter dessen Rücken befördert worden. Ihr Mann Isaac ist einer der einflussreichsten Kuratoren der New Yorker Kunstszene – und Jude. Kurz: alle großen monotheistischen Religionen sitzen an einem Tisch. Jetzt stößt man an auf Emilys Erfolg, den sie Isaac zu verdanken hat: Sie ist mit einigen ihrer Bilder in die nächste wichtige New Yorker Ausstellung aufgenommen worden.

Geächtet (Disgraced)

Zumindest will man das feiern…

Genau. Alles könnte gut verlaufen – doch die vier kommen immer wieder auf den Islam und Religion im Allgemeinen. Schnell merkt man: Es gibt erhebliche Spannungen zwischen Emily und Amir. Sie ist immer um Vermittlung für eine moderne Lesart des Islam bemüht, er reagiert mit krasser Abneigung, ja Hass – denn Amir sieht, so ginge eine Lesart der Figur, sehr durch die Brille seiner vermeintlich oder tatsächlich deklassierten Position als Muslim in einer jüdischen Kanzlei, als Mensch, dem das islamische Erbe in den „Genen steckt“, wie er einmal sagt. Kurz: Es geht immer wieder um die Frage, was bin ich? Wie sehe ich mich? Wie sehen die anderen mich? Und nicht zuletzt und allgemeiner gesprochen: Kann ich einen anderen Menschen überhaupt als Menschen erkennen, ohne dass seine Religion, seine Hautfarbe und seine ethnische Herkunft in mein Urteil hineinspielt? Kann ich den Menschen dahinter sehen? An diese Frage kommt Amir allerdings nicht heran – zentral für ihn ist: Wie kann ich meine muslimischen Wurzeln ausradieren?
Geächtet (Disgraced)

Warum findet er das so wichtig?

Mir scheint, Amir erkennt an einem bestimmten Punkt im Stück, dass es tief in ihm drinnen ein Gefühl von einem „wir“ gibt, das in Opposition steht zu dem bestimmenden „wir“ der WASPs in den USA. Amir sagt, er habe für einen kurzen Moment so etwas wie Stolz empfunden, als die Türme des 11. September fielen – und ab da gibt es kein zurück für die Dinnergesellschaft und für das Paar Emily-Amir. Isaac bemerkt zwar zu recht, das alles käme nicht aus dem Islam, sondern aus Amir selbst. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet. Das zivilisierte Dinner-Geplänkel verwandelt sich unvermittelt – am nächsten Morgen kann man nur noch die Reste auffegen…

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„Geächtet“ von Ayad Akhtar ist ja ein sehr gut geschriebenes Well-Made-Play mit vielen feinen psychologischen Wendungen. Eine Art Kammerspiel. Wie setzt Du das in der riesigen Halle um?

Naja, diese riesige Halle, das merke ich jetzt nach drei Wochen Proben, ist eine richtige Diva. Die muss ich richtig rannehmen – Hall, überall wird noch gewerkelt, aber vor allem, weil permanent die Dekonzentration droht. Aber vor allem verweigert die Halle das Kammerspiel, die szenische Ausbuchstabierung der feinen psychologischen Bewegungen. Die Leichtigkeit des Parlierens, der feinzüngige Humor droht verloren zu gehen. Stattdessen versuche ich als Regisseur, die Spieler in die Überhöhung zu treiben. Wir haben zunächst sehr lange am Tisch über die Beweg- und Abgründe der Figuren gesprochen, die Entwicklungen, die Dynamik des Stücks und der einzelnen Szenen – vor allem die Bedeutung für uns in Europa und Deutschland im Besonderen. Das kommt uns jetzt bei der Suche nach der richtigen Form entgegen – wie geht Psychologie mit einer formalen Spielweise zusammen? Wo müssen die Spieler in die formale Überhöhung gehen? Wo sind die Nadelstiche gefragt, mit denen die Figuren sich im gesellschaftlichen Nahkampf begegnen, so dass diese in ihrer Schärfe – überdeutlich von der formalen Überhöhung abgesetzt – leuchten können? Gerade in der Ausdifferenzierung zwischen formalem Spiel und psychologischer Schärfe, die vielleicht auch für jede der Figuren unterschiedlich zu behandeln ist, liegt meiner Ansicht nach das Geheimnis – man kann an diesem Abend, so hoffe ich zumindest, auch erkennen, wie fremd eine Figur, also Amir, in ihrer Art des Spielens im Vergleich zu den anderen ist.

Geächtet (Disgraced)

Also geht es mehr um Fremdheit als um den Islam?

Einer – in diesem Fall der Muslim Amir – versucht so zu sein, wie er denkt, dass die Mehrheit ist – oder die Mehrheit versucht ihn auf subtile Wiese so zu machen, wie sie ihn haben will, wie er in ihren Augen sein soll. Denn darum geht es ja zuletzt – um die Frage von Fremdheit oder Andersartigkeit und die Wahrnehmung derselben. Ich möchte gerne zeigen, in was für einem Dilemma ein Mensch steckt, der seine Herkunft – und dazu gehört auch die religiöse – verleugnet, um Teil einer Mehrheit zu werden, die ihm zugleich aber den letzten Zugang und die Teilhabe verweigert. Diese Frage haben wir in letzter Konsequenz auch hier in Deutschland nicht beantwortet, obwohl wir seit über 50 Jahren, seit der ersten Generation von muslimischen Gastarbeitern, genügend Zeit dafür gehabt haben. Diese Debatte müssen wir endlich führen – nicht zuletzt, weil wir derzeit einen immensen Zuzug von muslimischen Geflüchteten erleben.

(Die Fragen stellte Michael Eickhoff.)

„Geächtet“ hat am 6. Februar im Megastore Premiere und ist ab dann im Repertoire des Schauspiels im Megastore zu sehen.

Regie: Kay Voges

Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch

Kostüme: Mona Ulrich

Video-Art: Mario Simon

Musik: T.D. Finck von Finckenstein

Dramaturgie: Michael Eickhoff

Mit: Frank Genser, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Merlin Sandmeyer, Merle Wasmuth

 

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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