ENDSPIEL OHNE ENDE – EIN LEBEN IM LOOP

Uhren laufen im Loop, Zahnräder laufen im Loop
Leute laufen nach Uhren, sind im Loop gefangen!

Bas Böttcher

Endspiel Kreisbewegungen formen die Dialoge bei Beckett. Die Figuren sind auf der Suche nach Sprache; einer Sprache, die sie selbst beschreibt. Und wenn sie sich nicht bewegen können, halten sie sich redend in Bewegung. Außerhalb dieser Redeanstrengungen gibt es nichts, an dem sie sich festhalten könnten. Keine Konvention, keinen Gott, keine Antwort. Dennoch erleben die Figuren Momente des Glücks und Momente der Liebe.

Was Becketts Figuren dabei jedoch nicht erleben, sind „sozialpsychedelische Momente“, wie Diedrich Diederichsen sie in seinem Buch EIGENBLUTDOPING beschreibt. Den jeweils anderen nicht bloß in Bezug auf sich selbst zu erfahren, sondern im Gegenteil: ihre andere Perspektive soll helfen, das Gefängnis der Individualität, der Konkurrenz, der Subjektivität zu verlassen. So erschiene „die eigene Perspektive auch nur als eine Perspektive, kein Ich-Krater, keine Blase“. Dies beschreibt Diederichsen als Gegenmaßnahme zum Leben im Loop. Der LOOP nämlich, sei das zentrale Modell für die medialen Unterhaltungs- und Informationsformate geworden: „Man kann jederzeit zusteigen, ohne etwas verpasst zu haben, und aussteigen, ohne etwas verpassen zu werden“.

Endspiel

Während im Alltag die Maxime herrscht, immer weiter wollen zu müssen, um irgendwann irgendwo ankommen oder zurückkehren zu können, ist der LOOP „keine Rückkehr zu irgendwas, zu einer Vergangenheit, zu einem Fixpunkt in Sachen Familie, Beruf oder Heimat. Er hat diese Verbindungen abgeschnitten“. Der Preis dafür ist das „Nie-irgendwo-Ankommen“.

Becketts Figuren werden von einem inneren Imperativ angetrieben, der sie wieder und wieder zum Weitermachen zwingt: „man muss weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muss weitermachen, ich werde also weitermachen, man muss Worte sagen, solange es welche gibt, man muss sie sagen, bis sie mich finden, (…) sie haben mich vielleicht bis an die Schwelle meiner Geschichte getragen, vor die Tür, die sich zu meiner Geschichte öffnet, es würde mich wundern, wenn sie sich öffnete“, heißt es am Schluss der Erzählung DER NAMENLOSE. Das erinnert an die Türhüterlegende in Kafkas unbeendetem Roman DER PROZESS. Auch dort öffnet sich die Tür, die nur für K. da gewesen ist, nicht. Ein Wächter versperrt sie. Der Eintritt in die eigene Geschichte wird K. durch unbekannte Mechanismen gesellschaftlicher Machtausübung verweigert. Bei Beckett hingegen existiert kein Außen, das einem Inneren so einfach gegenübertreten kann. Schon die Körper seiner Figuren erfahren es als absurd, in der Welt zu sein. Das Ich im Körper? Der Körper in der Welt? Die Sprache in der Welt, die im Körper enthalten ist? Gewissermaßen könnte man den Körper in Becketts absurder Welt als Tür bezeichnen. Wo ist davor und wo dahinter? Was ist innen, was ist außen?

Endspiel

In Wolfram Lotz‘ Theaterstück EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL wünschen sich die beiden Theaterfiguren Lum und Purl ein Kind – der letzte Hoffnungsschimmer einer sozialpsychedelischen Erfahrung, die gegen den „Unsinn der Welt“ (und des Theaterstücks) gerichtet ist. Weil sie in diesem Theaterstück aber keins bekommen können, dehnt sich zum Schluss, um den einsamen Lum herum, der Raum aus. „Und was heißt das? Das heißt, dass alles, was da ist, sich immer weiter von einem entfernt, dass alles von einem davonfliegt. Das heißt es.“ Die Unendlichkeit, die sich von uns entfernt, das ist der LOOP: „Durch seine biegsame, verlässliche Konstanz werden unsere eigenen Mikro-Veränderungen plötzlich groß, die Welt um den LOOP herum wächst“, erklärt Diedrich Diederichsen und fährt fort: „Wir sehen uns immer wieder unter den gleichen Voraussetzungen selbst an und sind immer wieder ein bisschen anders geworden.“

Und so begegnen sich Lum und Purl aus Kay Voges‘ Inszenierung EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL als Ham und Clov im ENDSPIEL wieder. Der Raum hat sich auf ihre kleine Holzkastenbühne zurückgedehnt. Und die Frage danach, was uns Menschen beieinander hält, als auch die daraus entstehenden Absurditäten des Alltags, mögen sich anhand von Becketts Sprache erneut ins sogenannte Unendliche ausdehnen. Immer und immer wieder.

Endspiel

CLOV         Du willst also, dass ich dich verlasse.

HAMM       Natürlich!

CLOV         Dann werde ich dich verlassen.

HAMM       Du kannst mich nicht verlassen.

CLOV         Dann werde ich dich nicht verlassen.

                   Aber du willst, dass ich dich verlasse.

HAMM       Natürlich!

CLOV         Dann werde ich dich verlassen.

HAMM       Du kannst mich nicht verlassen.

CLOV         Dann werde ich dich nicht verlassen.

                   Willst du, dass ich dich verlasse?

HAMM       Natürlich!

CLOV         Dann werde ich dich verlassen.

HAMM       Ich kann dich nicht verlassen.

CLOV         Ich weiß. Und du kannst mir nicht folgen.

HAMM       Also kannst du mich auch nicht verlassen.

CLOV         Dann werde ich dich nicht verlassen.

Willkommen im LOOP!

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

Ein Gedanke zu „ENDSPIEL OHNE ENDE – EIN LEBEN IM LOOP

  1. Benutzen Sie im Stück ein Fernrohr oder ein Fernglas? Ich frage wegen der Übersetzung der Titel ins Kroatische für die Aufführung nächste Woche in Zagreb, und bitte daher um eine rasche Antwort. Vielen dank im Voraus.

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