„HAT SICH SCHON MAL JEMAND IM BÜHNENBILD VERLAUFEN?“

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund haben sich zwölf Dramaturgie-Student*innen der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt / Goethe-Universität die Borderline Prozession angeschaut. Ihr Arbeitsauftrag nach dem Besuch: Stellt vierzig Fragen an das Stück. Es entstand ein einzigartiger Fragenkatalog über die Inszenierung, aber auch über Theater, Kunst, das Leben an sich.

Eine Auswahl der schönsten, klügsten, kritischten und humorvollsten Fragen zeigen wir hier.

Fragen von Benjamin Große, Sofie Luckhardt, Lea Kneisel, Thomas Dierkes, Anja Schneidereit, Lisa Kruse, Alica Humm, Benedict Kömpf, Janina Zehle, Saija Kontio, Carlotta Döhn, Lisa-Marie Radtke.

Wieso muss ich zwanzig mal ins Theater gehen, um mich einmal zu freuen? Ist die Quote beim Tatort besser oder schlechter? Wie baut man Glücksmomente im Theater? Warum war die Astronautenszene so wes-andersony? Wegen David Bowie? Wie in The Life Aquatic? Wegen Slo-Mo? Weil die Kamera wie auf einer Schiene Räume abfährt? Wieso hat mich dieser Abend in Dortmund so euphorisiert, obwohl mich manches so genervt hat?

Um die Dialektik kommt man nicht herum, kommt man hindurch? No border, no nation, no BORDERLINE PROZESSION? Liegt die Macht der Blickführung bei der Kamera, die ,Einblicke gewährt‘? Ist der Abend durch die Offenlegung des Texts totalst-transparent? Hat sich schon jemand im Bühnenbild verlaufen?

Ist das Mega-Multimedia-Overload-Theater? Mögt Ihr Euer Publikum kontemplativ, schweigend, aktiv, aktionistisch? Ist es komisch, wenn die Kritik von ,echt‘ und ,wirklich‘ spricht? Wenn alles Klischee ist, was ist dann kein Kitsch?

Muss Kunst irgendetwas? Muss Theater irgendetwas? Brauchen die Zuschauer*innen Katharsis, um ihre prekären Arbeitsverhältnisse zu vergessen? Wären heutige Verschwörungstheoretiker*innen ohne Internet Aktionskünstler*innen geworden? Gibt es einen popkulturellen Wettbewerb um den Skandal? Ist ein Abend im Sinne des ästhetischen Ungehorsams erfolgreich, wenn über ihn gesagt wird, er werfe „auch“ politische Fragen auf?

Wieso Brecht und Goethe und Hegel und Deleuze und und und? Vertraut ihr eurer Idee nicht genug, dass ihr den Abend mit intellektuellen Autoriäten derart zuballern müsst? Wäre der Abend nicht noch viel stärker gewesen, hätte er sich thematisch und ästhetisch wenigstens ein bisschen mehr fokussiert? Und was soll das jetzt eigentlich mit der live Regie? Wird Licht nicht immer live gefahren? Ebenso wie Übertitel? Ist das dann live Dramaturgie? Wenn ein Regisseur hundert mal um ein Haus läuft, ist das live Regie?

Wieso habe ich erst in dieser Inszenierung Jonathan Meese verstanden? Fand ich ihn nicht immer widerwärtig? Ist er nicht ein lächerlicher, hitlergrüßender Kunstkrakeeler, der mit den billigsten Tricks arbeitet? Hitler + Stalin + meine Mama = uiuiui? Wieso kann der plötzlich so herrlich absurde Manifeste schreiben? Ist Megan Fox der Mund von Scarlett Johansson? Wieso leuchtet mir das sofort ein?

Wofür lohnt es sich zu leben? Wie und weshalb ist die Welt so geworden, wie sie ist?  Kreieren wir den Blick auf unsere Welt selber? Ist das da auf der Bühne das ganze Leben? Ist das alles, was wir haben? Fehlt nicht etwas? Warum habe ich das Gefühl, dass sich da auf der Bühne niemand trotz körperlicher Nähe WIRKLICH berührt? Welche Mauern möchte die Prozession einreißen? Die Mauern der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“? Gelten die Mauern mit dem Auftritt der Lolitas am Ende als eingerissen? Oder hat die Prozession keinen Anfang und kein Ende?

Wieso nur 3 Stunden? Was bleibt nach mehr als 3 Stunden? Ohrwürmer? Lebenskrisen? Scarlett Johansson?

Ist Theater ohne Politik nicht mehr vertretbar? Warum immer anklagen? Wogegen sind wir überhaupt immer? Wo will der Zeigefinger immer hinzeigen? Ist er nicht nur noch eine Attrappe der Intellektuellen? Wird die Kunst wieder prüde? Haben wir unsere Freiheiten wieder verspielt?

Gibt es noch eigenes Gedankengut? Darf der eigene Gedanke noch zählen? Ist alles nur Kopie? Wird heut eigentlich öfter gegoogelt als gedacht? Wie verlassen wir uns auf anderes Wissen? Welche Sicherheit gibt uns dieses zu jeder Zeit zugängliche, mögliche Allwissen? Wie gern haben wir die Lücke in unserer Informationsgier?

Wie lange dauerte die Konzeption? Wie viele Schauspieler waren es denn nun? Warum ein goldener Kameramann? Wie viele Runden dreht Goldkäppchen? Wie kann Kay Voges denken, er falle nicht auf, wenn er die ganze Zeit umherläuft, irritiert guckt und in eine vorgehaltene Hand flüstert? Wie lang wäre die Liste von Dingen, die an dem Abend thematisch angeschnitten werden? Funktionieren Geschichten nicht mehr? Deprimierende Melancholie als neuer Kassenschlager? Haben nur Akademiker Anspruch, Theater verstehend zu erleben? Ein großer Rausch der Assoziationen als unvollendetes Erlebnis? Was wollen wir wahrnehmen? Bei welchen Bildern schauen wir weg? Wie stark ist die Geschichte, die ich mir selbst entwickle? Sähe so eine Welt ohne Dialog aus, die nur aus Zitaten, Fragmenten und Rauschen besteht?

Was ist Ästhetik und wer kann sich anmaßen eben das zu bestimmen? Was wäre ästhetischer Gehorsam? Vielleicht die wahre, echte, pure Kunst a la AFD?

Ist Twerken Kunst? Ist Butterbroteschmieren Kunst? Ist Jumpstyle Kunst? Kommt es da nicht bloß darauf an, ob sie sich verkaufen lässt, ideell untermauern und noch in diesen und jenen diskursiven Kontext setzen lässt? Ist dann nicht alles irgendwie Kunst, künstlich, künstlerisch? Wie sähe dann nur die Diktatur der Kunst aus?

Kunst, die versucht, das Spektakel mit Spektakulärem zu überwinden – Trauerspiel oder die einzige Möglichkeit? Gibt es keine Tabus mehr zu brechen, sondern nur noch die Perversionen des Alltäglichen aufzuzeigen? Hat sich deshalb Langeweile als Stilmittel etabliert?

Was ist ein Klischee? Was wäre das Stück ohne Musik? Wie der Alltag ohne Soundtrack? Ist das Bedürfnis nach einem Soundtrack des Alltäglichen universell? Funktionierte dieses Stück vielleicht deshalb so genial? Hat es genau erkannt, was die Tragik des Alltäglichen ausmacht, es eingefangen und mit einem solchen Perfektionismus ebenso unvollkommen wie abgründig präsentiert? Ist dies ein beispielhaftes Stück für das Dogma 20_13 -Manifest? War das noch Film oder schon Theater, schon Film noch Theater?

Stehen sich Theater und Wirklichkeit wirklich gegenüber oder ist alle Wirklichkeit schon immer ein bisschen Theater? Zielt Theater auf das Wirkliche oder auf das Mögliche? Wer denkt im Theater, der Regisseur, der Dramaturg, das Team, die Schauspieler, der Zuschauer?

Trennt uns denn, was uns scheinbar trennt, oder vereint es uns eher? Ist mein Leben wirklich getrennt von deinem? Hält ein Drumherumwandern die Grenze nicht erst recht aufrecht, etabliert sie erstrecht? Findet man irgendwann Einlass, wie damals in Jericho? Ist Gleichzeitigkeit überhaupt eine Grenze?

Hat unser Leben so laute Töne? Was ist mit den leisen, den nicht-paukenschlagartigen Momenten? Ist unser Leben so tragisch, so aussichtslos, so schwerwiegend, wie der Soundtrack es an diesem Abend suggerierte? Ist das Leben immer so ästhetisch, so „gemacht“, wie es hier dargestellt wird? Ist das Theater wie in der Borderline Prozession eine Meditation? Und wenn ja, über was wird dann meditiert?

Auswahl und GIFs: Matthias Seier

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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