EIN UNENDLICHER SOUNDTRACK DER ERINNERUNGEN

Die Rolle und Auswahl der Musik in der Borderline Prozession. Ein Gastbeitrag von T.D. Finck von Finckenstein.

SU0A9393 Foto: Klaus Depenbrock


Wie sieht eigentlich das musikalische Gedächtnis von Kay Voges aus? Zumindest die oberste Sedimentschicht aus Pop, Klassik, Avantgarde und Schrott dürfte ich für die Borderline Prozession ordentlich durchgewühlt haben, als ich ca. 6000 Minuten Musik aus der Sammlung des Regisseurs akustisch „sichten“ konnte. Mit Tuxedomoon fing die Schaufelei an: Auf der Suche nach einem meditativen Stück, das den Abend einleiten sollte, schlug Kay Voges  In a Manner of Speaking vor. Insofern ein genialer Schachzug, weil das Stück mit 4 Akkorden auskommt, die sich selbst in einem Loop immer wieder ablösen. (Ich nenne das einfach mal „Kreisprogression“, auch wenn ich das Wort gerade gegoogelt habe, und es nicht existiert.)


Falls Ihnen die Akkordfolge bekannt vorkommt: Versuchen Sie mal „Hit the Road Jack“ drüber zu singen. Allerdings sehr, sehr langsam.

Da Die Borderline Prozession jedoch das weiterführt, was 2013 mit Das Goldene Zeitalter – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen auf der mir inzwischen winzig erscheinenden Bühne (weil wir jetzt in einer Halle inszenieren) des Schauspiel Dortmund begonnen hatte, nämlich Loops, Gleichzeitigkeit, die quantenmechanische Betrachtung des Augenblicks im Augenblick eines Augenblicks, und das möglichst noch mit passendem Musik-Geräusch-Acousmatique-Gemisch, musste natürlich noch viel mehr Material her.

Kay Voges denkt in vielerlei Hinsicht filmisch und wir hatten schon häufig darüber gesprochen, für ein Stück einen nicht endenden Filmsoundtrack aus musikalischen Erinnerungen zu schaffen. Die Inszenierung 4.48 Psychose kann in diesem Kontext gesehen werden, mit Sicherheit auch die Inszenierung Endstation Sehnsucht am Schauspiel Frankfurt. Aber bis jetzt hatten wir uns noch nie die musikalischen Bälle so zugespielt, wie bei der Borderline Prozession.

Die nächste große Entdeckung kam mit der Band Talk Talk, die ich selbst eigentlich nur für den Song Such a Shame kannte, die aber mit Spirit of Eden 1988 ein fantastisches Postrock-Album veröffentlicht haben. Der Song The Rainbow ist unser richtiger Einstieg in Die Borderline Prozession geworden:


Das Album mit diesem wundervollen Stück war übrigens finanziell kein Erfolg. Such a Shame!

Während die Proben mit dem Ensemble voran schritten, Schauspieler, Ton, Licht und Video sich in diese außergewöhnliche Inszenierung warfen, grub ich weiter in Kay Voges’ Musikhalde nach Material. Ein großer Spaß, denn ich hatte lange nicht mehr so viel Musik, die ich nicht selbst gemacht habe, bewusst angehört. Na klar, es gibt die üblichen Verdächtigen: Nick Cave, John Cale, Tocotronic. Aber dann stolpert man über Benjamin Britten oder Gustav Mahler und denkt sich: Warum eigentlich nicht?

An dieser Stelle muss ich es übrigens einfach erwähnen: Ich glaube, die Tagesschau-Musik ist aus dem 5. Satz von Mahlers 2. Sinfonie geklaut. Achten Sie mal drauf.

Und dann noch diese Zufälle. Zum Beispiel, dass ich beim Umräumen zu Hause eine Karlheinz Stockhausen-CD mit Klaviermusik wiederfand, die ich mir mal vom Keyboarder der Bochumer Ska-Band Alpha Boy School ausgeliehen hatte.

Aber gibt es überhaupt Zufälle? Auch bei der Borderline Prozession spielt das eine Rolle, C.G. Jung spricht von Synchronizität: Ereignisse, die im Prinzip keinen Kausalzusammenhang besitzen, erscheinen dem Individuum sinnvoll, kausal. Bedeutend. Da ich so langsam ein Gefühl für die musikalische Sozialisation von Kay Voges bekommen hatte und wir sowieso einen ähnlichen Geschmack haben, der sich höchstens mal an Peter Gabriel scheidet (den ich vergöttere und der Intendant des Schauspiels hasst), baute ich Stockhausen mit in den Ablauf.

Mit Kay Voges bin ich während der Borderline Prozession per Kopfhörer verbunden, damit er auch in die Musik eingreifen kann. Als ich das erste Mal das Klavierstück IX abspielte, kam ein Kommentar: „Ich weiß nicht, was das gerade ist, was du da spielst, Stockhausen, 12-Tonmusik, aber es ist großartig.“

Stockhausen bezeichnete den 11. September 2001 als großes Kunstwerk, war aber sonst eigentlich ein ganz netter Typ.

Noch ein grandioser Zufall: Da stolpere ich beim Aufbau für „The Mundorgel Project“ über Metamorphosis von Philip Glass, als unser Assistent Philipp Skuza sich das gerade anhört. Nur 2 Tage später besaß ich 4 CDs von Philip Glass, darunter Klavierwerke und natürlich die unentbehrlichen Soundtracks zu Koyaanisqatsi, Powaqqatsi und Naqoyqatsi. Unvermittelt drückt Kay Voges mir die CD zu Einstein on the Beach von Glass in die Hand, bevor ich überhaupt von meinen musikalischen Ideen erzählt habe. Wieder eine gemeinsam geschaltete Synapse, von der wir nichts wussten.


Nein, das ist nicht der Soundtrack zu „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Aber ich habe den Eindruck, dass Yann Tiersen diese Nummer ziemlich gut kennt.

Irgendwann ging es Schlag auf Schlag. „Kennst du das?“, „Sollen wir nicht…?“, „Ich habe noch was gehört neulich.“ Eigentlich eine Büchse der Pandora, die man da aufmacht. Musik ist ja wie Fußball, jeder hat eine Meinung zu allem. Wunderschönes, fast unbekanntes Stück aus meinem Fundus: Blonde on Blonde von Nada Surf:


Es geht um jemanden, der im Regen Bob Dylans „Blonde on Blonde“ auf seinem Walkman hört. Im Video scheint die Sonne. Typisches Zeichen dafür, dass man nur einen einzigen Drehtag und keine Regenmaschine dabei hatte.

Technisch gesehen ist die Borderline übrigens eine größere Herausforderung als alles, was wir tontechnisch bisher auf die Beine gestellt haben am Schauspiel Dortmund. Die Tonabteilung des Schauspiels hat es geschafft, dass die Halle im Megastore den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, denn sie hallt kaum noch. Während die ersten Proben in einer Art Kirche stattfanden, findet man sich nun eher in einem Kinosaal wieder. Es gibt unzählige Mikrofone, mein Assistent Joscha Richard übernimmt das Sampling der Schauspieler, das ich im Goldenen Zeitalter noch gleichzeitig mit der Musik gesteuert hatte. Ich selbst steuere 32 Mischkanäle mit 256 möglichen Abspielvariationen.

Und obwohl am Ende Sigur Ros, Tocotronic, Keating 5, Talking Heads, Kyte, Glasvegas, Arcade Fire, Stars, Pixies, Mahler, Bee Gees, Tori Amos, Stockhausen, Glass, Radiohead, Peter Gabriel, Chemical Brothers, Aphex Twin, Skrillex, Nico, Depeche Mode, Mozart, Brecht, Talk Talk, Nada Surf, Danny Elfman, Clint Mansell… und und und… in der Playlist gelandet sind, weiß ich trotzdem nicht, was dadurch auf der Bühne für eine Synchronizität entsteht. Und das ist auch gut so.


C.G. Jung bewegt rhythmisch seinen Kopf…


T.D. Finck von Finckenstein ist seit der Spielzeit 2015/16 Musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund. Bei der BORDERLINE PROZESSION ist er für Komposition und Live-Musik des Abends zuständig.

Ein Gedanke zu „EIN UNENDLICHER SOUNDTRACK DER ERINNERUNGEN

  1. mit dieser musik in den ohren nachhallend, bin ich wirklich fasziniert und berührt aus dem megastore gegangen. was für ein abend! und die musik – ein kanller!
    und wenn ich diese liste nun sehe mit mahler, „rainbow“, „blonde on blonde“ (welcher in meiner jugend ein enorm prägender song war), glass, gabriel, chemical brothers, danny elfman, brecht, sigur ros, stockhausen, könnte das auch meine playlist sein…
    einfach großartig!

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