„Das ganze Leben nichts als Lüge“: DER WIDERSACHER

Der Widersacher

Ed. Hauswirth inszeniert die Geschichte eines unglaublichen, aber wahren Kriminalfalls – als mörderisches Mentaldrama nach dem Kultroman von Emmanuel Carrère!

Ein Interview mit dem Regisseur vor der Premiere

Ist Ihnen der Begriff True Crime geläufig? Dieses Genre bezeichnet Werke, die sich mit besonderen, aber stets realen Kriminalfällen beschäftigen und sie nacherzählen wie ein Krimi oder eine Reportage. Als Klassiker des True Crime-Genres gilt Truman Capotes legendärer Roman Kaltblütig über einen Familienmord aus dem Jahr 1965. Derzeit feiert das True Crime-Genre insbesondere im Internet eine Renaissance. Dass das echte Leben unfassbare Geschichten zu schreiben vermag, beweist auch der französische Kultroman Der Widersacher von Emmanuel Carrère. Auch er erzählt einen Kriminalfall, den man beinahe nicht glauben mag, obwohl er wahr ist – und der 1993 ganz Frankreich erschütterte!

Worum geht es? Wenige Tage nach Neujahr 1993 tötet der bis dato unbescholtene Mediziner Jean-Claude Romand im Laufe mehrerer Tage seine Ehefrau, seine zwei kleinen Kinder, seine Eltern und deren Hund. Eine Liebhaberin aus Paris kommt nur durch Glück mit dem Leben davon. Nach der Tat herrscht große Ratlosigkeit: was trieb diesen kompetenten, freundlichen Traumschwiegersohn zu der monströsen Gewalttat? Freunde und Nachbarn im kleinen französischen Vorort beschreiben ihn als glücklichen Ehemann, liebenden Vater und auch als wohlhabenden, erfolgreichen Forscher bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Jean-Claude Romand 1996 während des Gerichtsprozesses.

Doch die Ermittlungen der Polizei bringen schnell die Wahrheit über Jean-Claude Romand ans Licht. Seine gesamte Existenz war nichts als Fassade! Die Arbeit bei der WHO, wichtige Geschäftsreisen, berühmte Kollegen – alles frei erfunden! In Wahrheit verbrachte er die Zeit auf Raststätten oder ziellos durch die Wälder streifend. Das Geld für sein Doppelleben erlog er sich mit angeblichen perfekten Finanzkonditionen in der Schweiz aus seinem engsten Familienkreis. Jahrzehntelang hatte Romand ein gigantisches Bauwerk aus Lügen errichtet, bis es in einer Eruption aus Gewalt in sich zusammenstürzte.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère ging auf Spurensuche, besuchte Romand im Gefängnis, recherchierte vor Ort, befragte ehemalige Freunde. Wie konnte die Hochstapelei so lange unbemerkt bleiben? Gibt es einen Unterschied zwischen der Oberfläche und dem Wirklichen? Wie zerbrechlich sind unsere Masken?  Ed. Hauswirth seziert den Fall Romand: als Annäherung an das Monströse, als Blick hinter die Vorortfassade – und als zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit dem Widersacher, der in uns allen steckt.

Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof in Graz. Seit 2016 inszeniert er regelmäßig am Schauspiel Dortmund („Triumph der Freiheit – Wir schaffen das schon“, „Die Liebe der Zeiten in Glasfaser“ und „Memory Alpha“).

Ed. Hauswirth, was interessiert dich am Fall Romand?

Das Besondere an diesem Fall ist, dass diese furchtbare Tat auf einer banalen Notlüge fußt: Romand wollte als Student ein Scheitern nicht eingestehen und behauptete überall, er habe eine Medizinklausur bestanden, zu der er in Wahrheit gar nicht erschienen war. Auf diese Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.

Romand ist gewissermaßen in diesen Abgrund hereingerutscht?

Sozusagen. Ich glaube, diese Ursprungslüge hätte vermutlich jedem von uns in einem schwachen Moment passieren können. Insofern können wir uns auch als Gesellschaft mitgemeint fühlen – wie präsentiere ich mich in der Öffentlichkeit, und wer bin ich in Wahrheit privat mit mir selbst?

Wie ging es dir, als du das erste Mal den Tatsachenroman von Carrère gelesen hast?

Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen. Carrère beschreibt beeindruckend, was für ein gewaltiges Unterfangen es gewesen sein muss, diese gigantische Lebenslüge zuerst hochzuziehen und dann aufrecht zu erhalten. Romand verfügte einerseits über unglaubliches Charisma und große Glaubwürdigkeit, andererseits spürte er eine tierische Versagensangst und Panik, dass alles auffliegt. Und in diesem Spannungsverhältnis findet man sich heutzutage in der Leistungsgesellschaft immer öfter wieder – wenn auch gottseidank natürlich auf deutlich ungefährlichere Art und Weise!

„Auf eine Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.“

Wäre so ein Fall wie Romand heutzutage noch denkbar?

Durch die mediale Überwachung unserer Gegenwart und die genaue GPS-Ortung unserer Handys ist es vermutlich schwerer geworden – man kann nicht so wie Romand einfach in den Wald fahren und behaupten, man sei in Wahrheit bei der WHO. Aber das Prinzip der Täuschung ist immer noch möglich – die allgemeinen menschlichen und gesellschaftlichen Kräfte hinter diesem Fall gibt es immer noch. Mir geht es darum, mit unserem Ensemble eine Erzählung dafür zu finden, die auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Rousseau sagte, das Theater sei eine „Schule der Lüge“. Bei guten Theaterabenden glaubt man als Publikum ja auch einer Erzählung, und damit eigentlich einer Lüge, sehr gern. Wie bringst du diesen Stoff also auf die Bühne?

Ja, auch Theater ist im Grunde nur ein großes „Was wäre wenn“, das sich im besten Falle verselbstständigt und wo man der Erzählung am Ende auch glaubt. Ich interessiere mich für das Narrativ, das man sich von seinem Leben macht: man erzählt sich etwas konsistent, aber in Wirklichkeit ist wahrscheinlich alles mehr eine Ansammlung von Bruchstücken, die also leicht ins Rutschen geraten können. Sich erzählen und Vorstellungen von etwas entwickeln ist zudem eine ureigene Tätigkeit für Schauspieler.

Was darf das Publikum bei deiner Inszenierung erwarten?

Der Abend wird hochspannend – wir bleiben der wahren Geschichte natürlich eng verhaftet – gleichzeitig entstehen aber auch unwillkürlich humorvolle Momente. Diese Geschichte hat mitunter so unglaubliche Momente, die man in einem fiktiven Stoff direkt als viel zu unglaubwürdig beanstandet hätte! Wir erzählen die Geschichte vorrangig aus der Sicht der Überlebenden, die auf die Geschichte zurückblicken wie auf einen Spuk.

„Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen.“

Wieso griff Romand am Ende zu dieser entsetzlichen Tat? Wieso brachte er eher seine gesamte Familie um, anstatt die Wahrheit zu gestehen?

Wir haben viel zum Thema des in den Medien sogenannten „Familiendramas“ recherchiert. Bei diesen Taten spielt stets das Vermeiden von Kontakt eine Rolle, es wird etwas tabuisiert oder verschwiegen. Zugleich besteht ein unbedingtes Anspruchs- und Besitzdenken. Die Täter, eigentlich immer männlich, haben oft eine narzisstische Grundstörung: sie glauben, ihre Familie soll ohne sie nicht weiter auf der Welt sein und glücklich sein können. Manchmal geschehen diese Taten aus fast schon kindischem Trotz. Diese Brutalität und Banalität spuken gewissermaßen auch bei uns auf der Bühne.

Die Familie Romand 1991.

Inwiefern spielt das Thema der Männlichkeit da eine Rolle?

Hinter unseren Lebensvorstellungen liegen Werte, Haltungen, Erfahrungen. In den frühen 90ern, als sich dieser Fall ereignete, beginnt ein gesellschaftlicher Konsens zum Wettbewerb: wir befinden uns ab sofort in einer Wettbewerbsgesellschaft, ab sofort müssen wir flexibel und effizient sein, plötzlich redet man von erfolgreichen Männern und starken Frauen. Mich beschäftigt die Auseinandersetzung und Hinterfragung dieser Rollenbilder: ich kann mir nie gewiss sein, was oder wer ich eigentlich gerade bin. Welchen Konsens haben wir über die Rolle, die wir erfüllen sollen? Welche Vorstellungen von Idylle oder Albtraum bevölkern heute unsere Rollenbilder?

Romand erscheint bei Carrère ja auch als landläufige Verkörperung dessen, was man heute oftmals als toxische Männlichkeit umschreibt: weinerlich, sich permanent im Recht fühlend, unsensibel, herrschsüchtig.

Diese Sichtweise klingt bei der Lektüre des Romans im Jahr 2019 an. Romand gibt sich da oftmals ambivalent, laut allen Aussagen war er tatsächlich ein guter Ehemann und liebender Vater. Er erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes oder des Elite-Tiers nicht aufrechterhalten können. Das war die Rolleneinteilung, die sich Romand gegeben hat, und die konnte er offenbar einlösen! Und gleichzeitig muss es auch eine Projektion der Umgebung in ihn gegeben haben: man sieht ja auch immer, was man sehen will.

„Romand erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes nicht aufrechterhalten können.“
Jean-Claude und Florence.

Wie siehst du die Rolle von Jean-Claudes Ehefrau Florence, die sein erstes Opfer wurde? Im Roman wird sie einerseits als besonnen, fromm, etwas spießbürgerlich dargestellt; aber ebenfalls auch als lebenslustig, hedonistisch, offen.

Genau, es stellt sich die Frage: Wer erzählt uns von dieser Frau? Die Hauptquellen im Roman sind Gespräche mit den überlebenden Freunden Luc und Cecile, dann die Recherchematerialien im Gerichtsprozess, und ein Briefdialog mit dem Mörder. Höchstwahrscheinlich sind Einschätzungen und Rollenbilder dieser Quellen auch in die Figurenzeichnung miteingeflossen, das bleibt ja gar nicht aus. Das sind alles auf die eine oder andere Art Miterzähler dieses Arztes, die gesamte Dorfgemeinschaft wirkt wie ein großes Simulacrum. Und da werden Frauen oftmals dann mit zwei Kategorien umschreiben, nämlich offen/lebensfroh und gleichzeitig brav/systemerhaltend. Das ist sicher zu kurz gegriffen. Wir versuchen, bei unserer Arbeit Momente der Selbstbestimmung und Handlungsoption zu finden.

Das finde ich auch bemerkenswert, wie dieser Fall zu einer Zeit in Frankreich groß durch die Medien ging, als französische Philosophen wie Jean Baudrillard oder Paul Virilio eh eine Theorie der Simulation, und der medialen Chimärenhaftigkeit aller Eindrücke formulierten. Jedes Abbild ist gewissermaßen schon eine Hochstaplerei in sich, hieß es in den 90ern plötzlich.

Ja, Romand betrieb eine Simulation. Er triggerte unsere Imaginationskraft so sehr, dass man mitspielte. Bei unserem Versuch, diesen Roman für die Bühne anzueignen, wollen wir das nicht direkt vorspielen, aber wir wollen es vorstellbar machen.

Du hast gerade von Rolleneinteilung gesprochen. Wäre der Mörder Jean-Claude Romand ein guter Schauspieler auf der Bühne?

Ich glaube nicht. Er war ein sehr guter Erzähler im direkten Kontakt, im kleineren Gespräch konnte er einen um den Finger wickeln. Er war ein Tischzauberer, kein Schauspieler.


 

Der Widersacher, nach dem Roman von Emmanuel Carrère (aus dem Französischen von Claudia Hamm)

Es spielen: Alida Bohnen, Berna Celebi, Björn Gabriel, Caroline Hanke, Marlena Keil, Max Ranft, Uwe Rohbeck.
Termine: SO, 01. DEZEMBER 2019
FR, 06. DEZEMBER 2019
FR, 13. DEZEMBER 2019
SO, 29. DEZEMBER 2019
SO, 12. JANUAR 2020.  Weitere Termine folgen.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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