AUFREGUNG FÜR ALLE.

AUFREGUNG FÜR ALLE

Das ewige Feedback der Empörung – in Utzbach und im Netz

Essay zum „Theatermacher“ von Matthias Seier


Kritiker gibt es, deren jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und was schlecht sein solle; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.

Artur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 1851


I. Die Geschichte einer Empörung

Im Sommer 1972 wurde bei den Salzburger Festspielen das Theaterstück Der Ignorant und der Wahnsinnige von Thomas Bernhard uraufgeführt. Dessen Regisseur Claus Peymann bestand in der letzten Szene auf absolute Finsternis. Auch das Notlicht müsse gelöscht werden. Während es bei der Generalprobe tatsächlich stockfinster war, hielten die Feuerwehr sowie die Festspielleitung diese Idee bei einer tatsächlichen Aufführung aus Brandschutzgründen für nicht hinnehmbar. Am Premierenabend kam es also hinter den Kulissen zu einem handgreiflichen Kampf um den Notbeleuchtungsschalter. Zur zweiten Aufführung kündigten die Schauspieler an, nicht mehr zu spielen, falls das Notlicht nicht gelöscht werde. Und zur dritten Aufführung kam es nicht mehr, weil die Festspielleitung daraufhin alle weiteren Vorstellungen des Stücks absagte. Der sogenannte Notlichtskandal war geboren. Thomas Bernhard, Claus Peymann und sein Team wurden von Presse und Zuschauern beschimpft und aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn man sich nicht an dessen Gesetze halten wolle. Bernhard selbst schrieb dazu bloß: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“

Uwe Rohbeck, Andreas Beck

Aber anscheinend doch nicht ganz. Denn zwölf Jahre später taucht dieser Notlichtskandal in Form seines Stücks Der Theatermacher wieder auf. Im Theatermacher geht es um den Staatsschauspieler Bruscon, der sich zum Regisseur und Dramatiker berufen fühlt und mit seinem Erstlingswerk „Das Rad der Geschichte“ durch allerlei Dörfer tingelt, um es dort mit seiner Familie in Wirtshäusern aufzuführen. Im Wirtshaus der Gemeinde Utzbach aber stößt Bruscon mit seinem Projekt an Grenzen – und entlädt sich in einer kaum mehr aufhaltbaren Tirade (im Netz würde man wohl Rant dazu sagen) voller Hybris und Sarkasmus, voller Geifern und unfreiwilliger Komik: der Bühnenboden zu alt, die Luft zu schwül, das Dorfpublikum zu blöd, die mitspielenden Kinder zu unfähig, die Ehefrau zu hypochondrisch. „Kunst, Kunst, Kunst – hier wissen sie doch gar nicht, was das ist!“ Allein das Schlimmste wäre, wenn die örtliche Feuerwehr darauf bestünde, das Notlicht am Ende brennen zu lassen. Und so wird Thomas Bernhards Salzburger Notlichtskandal in die Literatur gerettet, als zu Text geronnene Geschichte einer Empörung. Einer Empörung, die es seitdem auf zahllose Theater-Spielpläne geschafft hat, die immer und immer wieder ihre Stimmen erhebt, die in unzähliger Variation einen immer neuen Bruscon die immer gleiche Empörung durchleben lässt.

 

II. Die Empörungsschleifen der Gegenwart
Xenia Snagowski, Andreas Beck, Janine Kreß

Heutzutage bleiben die meisten Empörungen und Beschwerden hingegen im hell leuchtenden Dauerflimmern der sozialen Netzwerke hängen. Jeder, der etwas auf sich hält, betätigt sich dort als mahnender, es im Zweifel besser wissender Kritiker voller Herzblut oder zumindest als aufrichtig empörter Weiterverbreiter von Dingen, über die sich andere Leute (Freunde, Bekannte, Journalisten, Wildfremde) bereits eloquenter als man selbst aufgeregt haben. Minimale kommunikative Anstöße können dabei maximale Wirkungen entfalten: Wir bemerken, wie sich jemand über irgendetwas empört, wir empören uns mit, und schon stecken wir andere an, die sich auch darüber zu empören beginnen, während dann in der nächsten Phase Leute beginnen, sich über die Empörung zu empören, weil die ursprüngliche Empörung zu links oder zu rechts, zu plakativ oder zu paternalistisch, zu ausufernd oder zu verkürzt, zu unreflektiert oder zu verblendet, zu laut oder zu leise ist. Und so weiter und so fort, die Empörungs-Trigger sind oftmals austauschbar und innerhalb weniger Tage auch schon wieder vom nächsten wutschnaubenden Echauffier-Angebot abgelöst. Aufregung für alle, bis oben auf Facebook die Weltkugel glüht. Jeder kann so sein ganz eigener Bruscon im ganz eigenen Utzbach werden; der Rant wird zum unüberlegten Reflex.

Auf der Ebene der reinen Form spielt es dabei keine große Rolle mehr, aus welcher Weltanschauung die Aufregung sich speist – ob nun emanzipatorische #MeToo-Debatte oder faktenresistentes Geifern von rechts. Alle blasen mit ihren Posaunen auf zur vermeintlich alles entscheidenden Schlacht im Krieg der Wahrheiten. Über ideologische Trennlinien hinweg finden sich bei diesen Empörungsschleifen ähnliche Waffen und Reflexe: Mitunter scheint es, als hielte man es in diesen Empörungs-Blasen für ausgeschlossen, dass jemand bei klarem Verstand sein kann und trotzdem nicht ihrer Meinung ist. Um ungeliebte Argumente abzublocken, werden dann in letzter Konsequenz oftmals Ideen oder Begriffe auf den Index gesetzt: entweder nicht satisfaktionsfähig, diskriminierend oder spalterisch – und somit de facto verboten.

Uwe Rohbeck, Xenia Snagowski, Andreas Beck, Janine Kreß, Christian Freund

Und wenn nun jeder jeden und alles kritisiert, hört man sich gegenseitig vor lauter Fetisch der Differenz überhaupt nicht mehr. Facebook gerät zur Party, auf der man sich über die immer lauter werdende Musik ins Ohr brüllen muss, damit man vom Anderen überhaupt noch irgendwie verstanden wird. Da muss man dann schon besonders schief und laut singen – und am Lautesten singt es sich im Jargon der Paranoia, der Verschwörungstheorie, der Ausgrenzung und des „Die da oben“-Geraunes.

So driften die Empörungswellen mit ihrer verabsolutierenden Rhetorik der Ausschließung, mit ihren Beißreflexen und Sprechverboten sogar in ein quasi-totalitäres Sprechen ab, voller Wunschbilder der Zerstörung anderen Denkens.

 
III. Die Desensibilisierung
Xenia Snagowski, Andreas Beck

Doch wie ist es möglich, in einer Welt der Empörung noch Kunst zu machen? Beziehungsweise: geht Kunst ohne Empörung?

Denn an eines glaubt Bruscon trotz seines Nihilismus doch mit bewundernswerter Aufopferungsbereitschaft: an das Potential der Kunst. Bruscons radikale Lust an der Übertreibung und sein ständiger Kampf gegen Windmühlen lassen uns heute verstehen: Kunst entsteht nicht durch ständiges Absichern, brandschutztechnische Regulierungswut oder vorauseilenden Empörungsfuror von Bedenkenträgern. Sondern durch Freiheit der Möglichkeiten, Mut zur Schärfe und Gedankenaustausch ohne Sprechverbote – der den anderen Menschen und den Diskursraum mitreflektiert.

Ausgehend von Thomas Bernhards Ur-Text, der immer noch die Empörung über den Notlichtskandal in sich trägt, kann eine Aufführung dieses Textes heute vielleicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Wieviel Empörung ist notwendig, um ihre immer gleichen Grundreflexe bloßzulegen? Wird all die Entrüstung zum unkontrollierbaren Sprengsatz? Oder kann man mit Empörung Empörung nivellieren, so dass sie im Nichts verpufft? Ist es vielleicht mit Bruscons grenzenloser Hybris möglich, die unfreiwillige Komik dieser pausenlosen Empörungs-Loops zu bemerken?

Wenn das gesellschaftlich-politische Immunsystem von Debatte und Dissens also an allen Ecken und Enden überreagiert, hilft es vielleicht, der Gesellschaft eine Desensibilisierungsmaßnahme zu verschreiben: lieber ab und zu Bruscon als immerzu brüskiert.


Der Theatermacher – alle Tickets und Termine.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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