BEI SCHAUPROZESSEN GEHT DIE KOMIK FLÖTEN

Ein Gespräch mit dem Autor und Trash-Regisseur Wenzel Storch über katholische Künstler, DALLI DALLI und sein neustes Stück: DAS MASCHINENGEWEHR GOTTES, das am Donnerstag am Schauspiel Dortmund Premiere feiert.

Alexander Kerlin: Ich habe den Eindruck, dass Katholiken die besseren Künstler sind als Protestanten. Phantasiestärker vielleicht, widerständiger. Luis Buñuel war Jesuit, Schlingensief Messdiener, Beuys auf einer katholischen Grundschule.

Wenzel Storch: Luis Buñuel ist da ein Brachialbeispiel. Wie Alfred Hitchcock, der auch unter Jesuiten groß geworden ist. Von Schlingensief kenne ich nicht viel. Was ich von dem gesehen habe, fand ich eher hysterisch. Da wurde dauernd hin und her gerannt und rumgebrüllt – ich finde eigentlich nicht, dass das besonders katholisch ist. Obwohl: Bei uns zu Hause wurde auch dauernd rumgebrüllt, besonders am Sonntag. Ob man deshalb gleich der bessere Künstler wird? Aber was die evangelische Kunst angeht, da würde ich dir Recht geben. Mit der ist nicht viel los.

Das Maschinengewehr Gottes

Du stammst aus Hildesheim. Was hält Dich bis heute an diesem überwiegend protestantischen Flecken Erde? Du bist dort ja gewissermaßen in der Diaspora.

Für mich gibt’s einfach keinen Grund wegzugehen. Hildesheim sieht zwar so aus, als hätten sich ein paar bekiffte Stadtplaner ein Späßchen erlaubt, ist aber landschaftlich reizvoll. Und die Stadt ist Bischofssitz. Ich bin übrigens sehr stolz darauf, dass mein alter Bischof Heinrich Maria es gerade in die überregionale Presse geschafft hat. Sogar im „Spiegel“ haben sie ihm zwei Seiten eingeräumt. Nun ist nicht nur mein ehemaliger Pfarrer wegen Missbrauchs aufgeflogen, sondern auch der Bischof meiner Kindheit und Jugend …

… dessen Überreste heute im Hildesheimer Dom liegen. Sein Opfer, ein ehemaliger Messdiener, verlangt, dass sie entfernt werden. Du hast da eine andere Strategie. Du schlägst zu, indem Du solche Figuren in deinen künstlerischen Kosmos hinein ziehst – ein Universum, in dem sich dein Spott mit einer staunenden Liebe zu den herrlichen Blüten, die die katholische Kultur hervorgebracht hat, verbindet.

Nun ausgerechnet diesen Bischof eins zu eins zu verbraten, das wäre vulgär. So nach dem Motto: „Warte Freundchen, dich steck ich in mein nächstes Theaterstück!“ Bei Schauprozessen dieser Art geht sehr schnell die Komik flöten. Wo wir beim Thema sind: Ich habe kürzlich zusammen mit Gerhard Henschel einen Fotoroman produziert, der gerade in der „Titanic“ erschienen ist. Der spielt in der guten alten Zeit und fängt an mit den Worten: „Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine zündende Idee: Sie will dem Papst eine Knabenüberschussparty schenken …“

Das Maschinengewehr Gottes

Du schreibst gerne Sätze auf, bei denen man sich noch im Lachen fragt: „Hat der jetzt wirklich Knabenüberschussparty gesagt?“ Hat das Lachen für Dich etwas mit Befreiung zu tun, gegenüber einem Gegenstand, der eigentlich alles andere als zum Lachen ist?

Keine Ahnung, das müsstest du einen vereidigten Lachtheoretiker fragen. Aber es stimmt, ich bevorzuge Sachen, die bei Licht betrachtet gar nicht so komisch sind. Ich habe mir mindestens die Hälfte aller BLAUEN BÖCKE mit Heinz Schenk angesehen und nahezu alle DALLI DALLI Folgen. Da ist zwar alles ziemlich trostlos, aber einiges eben auch sehr komisch. Früher habe ich meine Freunde auch immer gezwungen, sich mit mir Serien wie ICH HEIRATE EINE FAMILIE oder Kastelruther-Spatzen-Videos anzugucken.

Du redest darüber mit derselben seelenruhigen Hingabe wie über Deine Lieblingsliteratur: Romane aus dem 19. Jahrhundert, die Du gerne in Fraktur liest – weil sich dann erst die Atmosphäre entfaltet, die du suchst. Machst Du einen Unterschied zwischen Hoch- und Popkultur?

Ich käme nicht auf die Idee, eine infantile Fernsehsendung wie DALLI DALLI mit einem Buch von Wilhelm Raabe oder auch nur einer Show von Hans-Joachim Kulenkampff in einen Topf zu schmeißen. Dieser Hans-Rosenthal-Quatsch spricht mich auch eher auf der uneigentlichen Ebene an. Was mir da Spaß macht, ist ja das, was zur Erheiterung gar nicht gedacht ist. So ähnlich verhält es sich auch mit der katholischen Trash-Literatur, oder mit der Sakropopmusik. Was die katholisch geprägte Hochkultur angeht, da weiß ich auch gar nicht, ob es die heutzutage überhaupt noch gibt. Es gibt zwar Leute wie Martin Mosebach oder Thomas Meinecke, die auch jetzt noch von der Unbefleckten Empfängnis begeistert sind, aber die Zeiten der Romantik, wo die tollsten Dichter plötzlich alle auf die Jungfrau Maria abfuhren, sind ja lange vorbei. Genauso wie die Zeiten der Prachtgemälde und der schönen Kirchenlieder… Obwohl, vor ein paar Jahren ist noch mal eine tolle Kirchenliederplatte erschienen: „Preis dem Todesüberwinder“ von Michaela Meise. Die singt mit glockenheller Stimme Kirchenlieder und spielt dazu Schifferklavier. Sehr ergreifend.

Das Maschinengewehr Gottes

Glaubst Du eigentlich an Gott?

Das letzte Mal, dass ich das versucht habe, muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. Da hatte ich einen kurzen Glaubens-Flashback und habe, wie man so sagt, mit dem Glauben gerungen. Ich lag mit Fieber im Bett und dachte: Scheiße, was ist eigentlich, wenn es den lieben Gott wirklich gibt?

Das MASCHINENGEWEHR GOTTES ist dein zweites Theaterstück. Das zweite Mal ist wie das erste Mal, nur mit einer Erfahrung mehr. Wie ist es Dir ergangen?

Das erste Stück, KOMM IN MEINEN WIGWAM (2014) war der Versuch, einen bilderreichen Essay auf die Bühne zu bringen – in der Form eines Gemeindeabends, als bunter Reigen mit viel dokumentarischem Bildmaterial. Das Stück ging auf eine Serie zur Geschichte der katholischen Sex- und Trimm-Dich-Literatur zurück, die ich für „konkret“ produziert hatte. Das neue Stück ist von dem schlesischen Wanderprediger Johannes Leppich und der katholischen Abenteuer-Literatur inspiriert, und es schwebt mir eher ein psychedelischer Schwank vor – eine Art katholisches Boulevardstück, aufgeführt von einer katholischen Laienspielschar. Römisch-katholisches Bauerntheater sozusagen, oder besser Volkstheater, mit einem leichten Krimieinschlag.

Das Maschinengewehr Gottes

Gibt es ein weiteres Genre, das Du gerne angehen würdest?

Ich würde gern mal weg vom Katholischen. Hin zur exotischen Abenteuerliteratur. Ich würde gern ein Stück über Karl May machen – über die Zeit, als der zu Ruhm und Wohlstand gekommene Dichter sich selber mit den Helden seiner Romane verwechselte und als leibhaftiger Old Shatterhand vor seine Fans trat. Da würde dann der von Halluzinationen und Größenwahn geschüttelte Dichter im Mittelpunkt stehen, umwimmelt von seinem Romanpersonal. Zu dem Thema würde mir einiges einfallen, nicht zuletzt, weil ich mich gerade zum zweiten Mal durch das Gesamtwerk gelesen habe. Ich schätze, ich habe in den letzten 15 Jahren 30.000 Karl-May-Seiten gelesen. Eine fast unheimliche Leseleistung, die dann im Nachhinein legitimiert wäre und vielleicht einen höheren Sinn bekäme.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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