DIE NETSCHAJEW-AFFÄRE

Inspiration für Dostojewski

Für Dostojewskijs Die Dämonen stand der russische Revolutionär Sergej Netschajew (1847-1882) Pate, die Roman-Handlung – allen voran die Figur des Pjotr Werchowenskij – sind klar von Netschajew inspiriert. Dostojewskij lernte Netschajews Ideen während eines Aufenthalts in der Schweiz kennen – Genf war in den 1850ern zu einem Zentrum der russischen Revolutionäre geworden.

Sergei Netschajew hörte Vorlesungen an der Petersburger Universität und lernte dort die Ideen des linken Vordenkers Michail Bakunin kennen. 1868/1869 leitete Netschajew während der Studentenunruhen eine radikale Studentengruppe. Im Januar 1869 ließ er das Gerücht verbreiten, er sei in St. Petersburg festgenommen worden und flüchtete nach Genf. Hier suchte er den Kontakt zu anderen russischen Exilanten und gab sich als Leiter einer revolutionären Organisation aus. Außerdem traf er hier auf Michail Bakunin, mit dem er eine enge Freundschaft schloss. Zusammen gaben beide die Zeitschrift Das Volkstribunal in Genf heraus. Außerdem schrieb Netschajew unter Bakunins Einfluss sein Programm, den Revolutionären Katechismus. Er gewann Alexander Herzen dafür, eine Propagandareise zu finanzieren, bei der der Revolutionäre Katechismus nach Russland geschmuggelt und dort verbreitet wurde.

Im Zentrum von Netschajews Ideologie steht eine hierarchisch organisierte revolutionäre Bewegung – nur eine kleine Elite soll die wahren Absichten der Bewegung kennen, während die breite Basis in sog. Fünfergruppen organisiert werden soll. Die Anwendung von Gewalt wird ausdrücklich befürwortet. Dostojewskij gibt der von seiner Romanfigur Pjotr Werchowenski geführten Bewegung die gleiche Struktur – auch in Die Dämonen steht eine Fünfergruppe im Zentrum.

Im August 1869 kehrte Netschajew nach Russland zurück und gründete dort die Geheimorganisation Narodnaja Rasprawa („Volksvergeltung“, „Volksgericht“, „Volksrache“). Mit einem Mitglied der Gruppe, Iwan Iwanowitsch Iwanow, gab es Meinungsverschiedenheiten, Iwanow drohte damit, die Gruppe zu verlassen – das wollte Netschajew keinesfalls auf sich sitzen lassen: Gemeinsam mit vier Komplizen ermordete Netschajew daraufhin den Dissidenten Iwanow in der Nacht zum 22. November 1869, seine Leiche wird in einem nahe gelegenen Teich versenkt. Während seine Komplizen bald verhaftet werden, gelingt es Netschajew, sich in die Schweiz abzusetzen.

Die sog. „Netschajew-Affäre“ sorgte für ein großes Presseecho, sowohl russische als auch deutsche Zeitungen berichteten über das spektakuläre Verbrechen.

Zurück in der Schweiz überwarf sich Netschajew bald mit mit Bakunin. 1872 schließlich wurde Netschajew verraten und in Zürich festgenommen. Wegen des Mordes an Iwanow wurde Netschajew als gemeiner Verbrecher an Russland ausgeliefert und dort verurteilt. 1882 starb Sergei Netschajew in der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg.

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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