VOM TRAUM DER UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN

Die heute Jungen haben alle Möglichkeiten: Ausbildung, Studium – in der sicheren Variante: Jura, Medizin, BWL; oder der exotischen „Orchideenfächer“ –, Work and Travel in Australien, Findungs- und Selbstverwirklichungsreisen und -erfahrungen, ein Freiwilliges Soziales Jahr und und und. Die Multioptionsgesellschaft macht es möglich. Aus der Perspektive der Älteren ist das ein großer Vorteil, war ihnen doch (noch) nicht alles möglich, persönliche Berufswege bestimmten sich nicht selten durch die Biographien der eigenen Elterngeneration. Doch was die einen als positive Errungenschaft sehen, betrachten die Jungen als Qual der Wahl: Was anfangen mit dem eigenen Leben? Wie die Prioritäten setzen: Selbstverwirklichung oder den Wünschen der Elterngeneration nach einem sicheren Job nachkommen?

Tod eines Handlungsreisenden

Generation Y

Zuletzt wird diese Generation der heute 19-34-Jährigen immer wieder als Generation Y bezeichnet. Y, weil sie die auf die Generation X  Nachfolgenden sind, das heißt zwischen 1980 und 1995. Und weil das Y auf Englisch so schön why gesprochen wird, ist sie also die Generation „Warum“. Warum? Die Ypsiloner können sich angeblich auf nichts festlegen. Haben keine konkreten Karriereträume, die sie voller Ehrgeiz verfolgen. Lieber eine ausgewogenes „Work-Life-Balance“ als das ganze Leben einem Karriereziel opfern. Vorbei auch die Zeiten von Statussymbolen wie Dienstwagen, eigener Parkplatz oder Büro in der obersten Etage. Die neuen Statussymbole heißen Sinn, Selbstverwirklichung und -bestimmung. Voraussetzung dafür ist natürlich zu wissen, wer man selbst ist und welche Bedürfnisse man hat. „Pragmatische Idealisten“ nennt sie der Soziologe Klaus Hurrelmann, sie sind nicht ohne Ideale, prüfen diese aber auf den tatsächlichen Nutzwert für sich selbst.
Natürlich gehören nicht alle 19-34-Jährigen zur Generation Y. Aber das Motto „Glück schlägt Geld“, wie es die Autorin Kerstin Bund so treffend schreibt, trifft sicherlich auf einige zu.

Tod eines Handlungsreisenden

Traditionswandel

Was führt zu diesem Wandel der Werte? Ein Faktor ist sicherlich die gegenwärtige, aber schon seit einigen Jahren anhaltende Dauerkrise. Ob im Finanzsektor, der EU, der Bildungspolitik, im Bereich der Schulden öffentlicher Haushalte, in ausländischen Konflikten oder der drohenden Kulisse des internationalen Terrorismus. Werte von Dauer sind rar geworden – und damit auch dauerhafte Bindungen und der Glaube an eine Anstellung auf Lebenszeit. Aus dem Beruf auf Lebenszeit wird ein Job, den man einige Jahre lang macht, bis ein Neuer kommt. Rente? Daran glauben die meisten nicht mehr. Permanente Unsicherheit lässt die Jungen von heute die „sichere Bank“ woanders suchen als in der beruflichen Karriere: Im Privaten und vor allem im Einklang zwischen beruflichen Anforderungen und privaten Bedürfnissen. Und in der Verwirklichung ihres Lebens anhand selbstbestimmter Kriterien.

Arthur Miller schrieb „Tod eines Handlungsreisenden“ 1949, lange vor dem Aufkommen der Generation Y. Der Konflikt zwischen den Generationen ist kein neues Phänomen, die Jungen wollen und wollten es oft anders machen als die Alten. Nicht alle, aber einige. Doch heute haben die Jungen mehr Möglichkeiten dazu. Ein Blick auf die junge Generation lohnt, denn – so schreibt Soziologe Klaus Hurrelmann – „ein Blick auf die Jugend ist immer auch ein Blick in die Zukunft.“

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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