„UNPSYCHOLOGISCHE MASSENPHÄNOMENE“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

„Johan und Marianne haben keine Streitkultur – sie können ihre Aggressionen oder Wünsche nicht ausleben oder zeigen. Erst im Laufe des Stücks lernen sie mühselig, miteinander wirklich zu sprechen.“ Claudia Bauer („Welt am Draht“, „Republik der Wölfe“) inzeniert das legendäre TV-Kammerspiel „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman mit acht Schauspielern auf der großen Bühne. Am Tag vor der Premiere traf Dramaturgieassistent Matthias Seier die Regisseurin in der Kantine und stellte ein paar Fragen.

Claudia Bauer

Was interessiert dich an „Szenen einer Ehe“, worin siehst du die Heutigkeit des Textes?

Der Text ist zu großen Teilen zeitlos. Es stellt sich bloß die Frage, in welchem Kontext man ihn verhandelt, wer was wann in welcher Situation sagt. Und dann wird es sofort heutig. Man muss aufhören, Beziehungen immer nur als heterosexuelle Kleinfamilie zu denken. Man muss es wieder öffnen. Denn zum einen ist Ehe wieder modern; wir sind schon wieder eine Umdrehung weiter als das Paar in „Szenen einer Ehe“: Das, was für Johan und Marianne staubig war, ist für uns heute mittlerweile wieder innovativ. Viele Leute suchen genau diese kleine Hasennest-Ehe – und scheitern daran natürlich genauso wie die Leute, die es früher nicht suchten, sondern naturgegeben von ihren Eltern kannten und übernehmen mussten. Außerdem muss man das nicht unbedingt als Situation lesen, in der das Paar schon zehn Jahre miteinander verheiratet ist, sondern vielleicht erst seit drei Jahren oder drei Monaten. Im Zeitalter der Beschleunigung passiert bei uns nach drei Jahren das, was in den 1970ern vielleicht erst nach zehn Jahren passiert wäre.

Ist „Szenen einer Ehe“ auch komisch?

Es ist unglaublich komisch, wie viele Dinge man von sich selber kennt. Und dann muss man unwillkürlich lachen – nicht, weil es lustig ist, sondern weil man sich selbst in den Figuren wiedererkennt. Es kann auch unglaublich traurig sein.

Wo liegt für dich der Reiz, ein vollkommen psychologisches und realistisches Kammerspiel wie „Szenen einer Ehe“ mit acht Darstellern auf die große Bühne zu bringen?

Psychologisches Kammerspiel ist immer nur dann spannend, wenn man es ins Gegenteil umkehrt und als unpsychologisches Massenphänomen darstellt. Gibt es die wahre Liebe? Ich suche sie, finde sie, verliere sie, ich versuche, sie festzuhalten – das ist ja ein Massenphänomen.

Von links nach rechts: Carlos Lobo, Julia Schubert, Frank Genser, Bettina Lieder und Uwe Schmieder als Marianne und Johan.
Von links nach rechts: Carlos Lobo, Julia Schubert, Frank Genser, Bettina Lieder und Uwe Schmieder als Marianne und Johan.

Kannst du dich in den Sätzen und Handlungen von Johan und Marianne wiederfinden? Manche finden ihr Wesen als zu reflektiert und viel zu bildungsbürgerlich.

Ich kann mich wiederfinden, ich bin allerdings auch ein Kind des westdeutschen Bürgertums. Natürlich erkennt man sich nicht in jedem Satz, aber es ist einem schon sehr erstaunlich nahe. Wir haben ein ideales Ehepaar unseres Kulturkreises – und diese Beziehung bricht unter der Anforderung der Perfektion zusammen. Die Kultur, die solche Beziehungen hervorbringt, das ist nun mal unsere Kultur. Deswegen sind das im Grunde wir.

Wie werden solche Wahrheiten als Schauspieler beglaubigt? Kann man wahrhaftig spielen? Soll man das überhaupt?

Man soll wahrhaftig spielen – aber nicht die Wahrhaftigkeit der Figur, sondern die Wahrhaftigkeit des Schauspielers. Man kann nicht argumentieren, dass „meine Figur so etwas nie tun würde“ oder „meine Figur dazu nie in der Lage wäre“ – manchmal diskutieren Schauspieler noch heute so. Das ist aber Quatsch, denn ein Mensch kann prinzipiell alles machen. Er ist zu allem in der Lage. Die Situation, in der sich Johan und Marianne befinden, ist voller Regeln. Dort können sie ihre Aggressionen oder Wünsche beispielsweise kaum zeigen oder ausleben. Diese Handicaps einer bei ihnen nicht vorhandenen Streitkultur muss man ernst nehmen. Das ist figurenspezifisch und die einzige Einschränkung. Davon abgesehen ist alles möglich.

Auf der Leinwand: Julia Schubert und Merle Wasmuth.
Auf der Leinwand: Julia Schubert und Merle Wasmuth.

Im Stück gibt es viel Musik – zahlreiche Songs zur Untermalung, außerdem vier Songs, die von Schauspielern live gesungen werden. Eine willkommene Möglichkeit, die alten Lieblingslieder einem Publikum vorzuspielen?

Liebe und Musik gehören fest zueinander, das ist ein ganz klares Narrativ. Jeder hat seine Lieblings-Liebeslieder, aber kaum jemand hat Lieblings-Liebesbücher. Die ganzen Themen, die in „Szenen einer Ehe“ vorkommen, sind auch typische Themen von Songtexten: Liebe, Trennung, Utopie, Heimat. Der Abend ist von Ingmar Bergman außerdem als Fernsehserie in sechs Episoden konzipiert – das spiegeln wir im Stück, da jedes Bild der Inszenierung in etwa einer Episode gleichkommt. Da wollten wir dann, dass wir für jede dieser Episoden quasi einen guten Abspann mit toller Musik finden – wie bei einer guten Fernsehserie.

Wie erfolgte die Musikauswahl?

Recht demokratisch. Ich gab Vorschläge, unser Musiker Smoking Joe ebenfalls. Auch die Schauspieler, Assistenten oder Leute von der Ausstattung haben Vorschläge eingebracht. Alle dürfen da mitmachen – und der Regisseur trägt die Verantwortung.

Welche Szene oder Episode des Stücks berührt dich persönlich am Meisten?

Die Trennungsszene ist einfach ein hartes Ding. Wenn die Seifenblase platzt – egal, wie unehrlich oder schmierig diese Blase auch war –, dann ist das natürlich furchtbar. Die Szene, in der sie beginnen, sich zu schlagen, berührt mich auch.

Von links nach rechts: Uwe Schmieder, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Frank Genser und Friederike Tiefenbacher als Marianne und Johan.
Von links nach rechts: Uwe Schmieder, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Frank Genser und Friederike Tiefenbacher als Marianne und Johan.

Die Ästhetik der Filme von David Lynch wird viel in diesem Stück zitiert. Sein Name fiel oft während der Proben, sogar ein Lied von ihm wird gespielt. Geht das überhaupt zusammen – Bergman und Lynch? Oder reizt dich die Dissonanz?

David Lynch arbeitet auch unpsychologisch. Man denkt bei ihm stets, man sehe einen psychologischen Vorgang, aber es ist gar keiner. Seine Arbeit hat immer Mystery-Anteile. Das ist toll, denn wenn man unpsychologisch über Menschen erzählen will, führt das dazu, dass fast immer diese merkwürdigen, allegorischen Figuren auftreten. Es geht mir um Menschen und um Menschelei, aber ich möchte nicht stets so Frauenberatungsbuch-Theater machen, in dem alles superduper erklärt wird.

David Lynch liefert da also Brüche, die so eine Art von simplen Schwarzweiß-Malereien verhindern?

Genau. And now for something completely different. Wo man durchaus mal sagt: „So, und das verstehen wir jetzt einfach mal nicht.“ Denn so denkt man länger drüber nach. Die Sachen, die ich verstehe – darüber denk ich nicht mehr nach, weil das hab ich halt verstanden. Lynch versteht man nicht, und doch versteht man ihn – auf einer anderen Ebene.

Dein persönlicher Ratschlag als Fan – wenn man noch nie was von David Lynch gesehen hat, womit anfangen?

Wenn man Serien mag, muss man „Twin Peaks“ gucken. Bei den Filmen ist „Inland Empire“ schon ziemlich krass und voller Horror. Und „Eraserhead“, falls man auf Kunstfilme steht. Als Einstiegsdroge sollte man eventuell „Wild at Heart“ schauen.

Von links nach rechts: Uwe Schmieder, Bettina Lieder, Julia Schubert. Unten: Sebastian Kuschmann. (Fotos: Birgit Hupfeld)
Von links nach rechts: Uwe Schmieder, Bettina Lieder, Julia Schubert. Unten: Sebastian Kuschmann. (Fotos: Birgit Hupfeld)

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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