„AM SCHREIBTISCH ARBEITE ICH UNGERN“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT PATRICIA TALACKO

Patricia Talacko ist bei der Inszenierung Szenen einer Ehe von Claudia Bauer für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich. Wie formt man die Ästhetik einer Theater-Inszenierung? Und inwieweit ist das ein gemeinschaftlicher Prozess? Fragen, die Dramaturgieassistent Matthias Seier am Tag vor der Premiere Patricia Talacko in der Theaterkantine stellte.

Patricia Talacko

Wie lange dauert der Prozess von der allerersten Idee für Bühne und Kostüm bis zur letztendlichen Premiere? Könnte man da eine Stundenanzahl nennen?

Für Bühne und Kostüme ist das unterschiedlich. Es ist auch je nach Stück und Größe der Spielstätte verschieden. Aber gerade das Bühnenbild benötigt einen langen Vorlauf. Die erste Bauprobe gibt es meist schon Monate im Voraus. Kostüme werden viel kurzfristiger geschneidert, gerade in der Arbeit mit Claudia Bauer. Vor Beginn der Probenzeit kann ich kaum sagen, wie es genau aussehen und genäht werden soll. Da werden zu Beginn meist nur Ideen und erste Vorstellungen für Szenen ausgetauscht. Die Struktur wird vorgeplant, aber das auch erst zwei Wochen vor Probenbeginn.

Warum hat jeder der acht Schauspieler in den sechs Bildern von Szenen einer Ehe jeweils verschiedene Kostüme? Warum behalten sie die Kostüme nicht bei?

Es war eine frühe Idee, dass jede Szene eine eigene Ästhetik haben soll. Zum Teil liegen ja auch längere Zeitsprünge zwischen den verschiedenen Szenen. Das Stück beginnt mit Texten, von denen man denkt, dass das heutzutage nun wirklich nicht mehr zeitgemäß ist. Daher fängt es etwas retro an. Der Abend entwickelt sich dann in Richtung Gegenwart.

Wie entwickelt man das Kostümbild? Läuft man die ersten Tage nach der Auftragerteilung einfach durch die Welt und schnappt Inspirationen auf? Oder wird direkt emsig am Schreibtisch mit Reißbrett konzipiert?

Zuhause am Tisch arbeite ich nur ungern – es sei denn, ich habe eine konkrete Idee und weiß, dass ich ein spezielles Kostüm benötige. Dann muss ich das natürlich aufzeichnen, damit es später hergestellt werden kann. Aber ansonsten arbeite ich gern mit den Schauspielern zusammen, denn jeder Schauspieler verhält sich anders, bewegt sich anders. Jedem stehen andere Schnitte. Am Liebsten habe ich es, wenn auf der Probe meine Ideen ausprobiert werden und dann je nachdem weiterentwickelt, geändert oder verworfen werden. Das ist dann ein fließender Übergang: Ich kaufe Sache oder hole sie aus dem Fundus und präpariere sie dann so, dass sie der Grundidee nahekommen.

Von links nach rechts: Carlos Lobo, Friederike Tiefenbacher, Julia Schubert, Uwe Schmieder, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder.
Von links nach rechts: Carlos Lobo, Friederike Tiefenbacher, Julia Schubert, Uwe Schmieder, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder.

Auf den Konzeptproben hast du Ordner mit Bildern und Collagen aus Zeitschriften, Bildbänden oder dem Netz herumgereicht. Ist das quasi Ergebnis deines Brainstormings und Ausgangspunkt für Überlegungen?

Genau. Oft ist es dann so, dass man sich die Bilder zu Beginn anschaut. Dann landen sie für ein paar Wochen während der Probenprozesse sozusagen in der Versenkung. Und wenn ich mir die Bilder dann wieder ansehe, kurz vor der Premiere oder sogar danach, dann sehe ich oft: „Aha, eigentlich kam es ja fast genauso, wie ich es wollte.“ Was ziemlich lustig ist.

Wo hast du mehr Freiheiten – bei der Bühne oder beim Kostüm?

Da gibt es für mich keinen Unterschied. Als ich dieses Stück gelesen habe, hatte ich ein paar erste Vorstellungen. Claudia erzählte mir, was sie vorhat. Da hatte ich dann die Grundidee eines Filmstudios, wo ein Set aufgebaut ist. Je nachdem, was die Regie dann benötigt, wird diese Idee auch so adaptiert, dass alles im Rahmen des Möglichen bleibt. Bei der Bühne müssen bestimmte Funktionen gegeben sein, damit es bespielt werden kann. Wenn eine Wand zerstört werden muss, ergibt das natürlich auch Einschränkungen in der Ästhetik. Ich weiß dann: Okay, auf diese Wand wird ein Film projiziert werden. Da kann ich da dann nicht eine rote Tapete mit violetten Blumen anbringen – auch wenn ich das sehr gern würde! Da braucht es dann natürlich eine helle Tapete, die sich mit dem Videobild nicht beißt. Das sind Kompromisse der Endästhetik, die man eingehen muss.

Auf der Leinwand: Bettina Lieder. In Hasenmasken: Friederike Tiefenbacher, Carlos Lobo, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert.
Auf der Leinwand: Bettina Lieder. In Hasenmasken: Friederike Tiefenbacher, Carlos Lobo, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert.

Hast du bei Szenen einer Ehe ein Lieblingsdetail in Bühnenbild oder Kostüm? Das Jackie Chan-Poster? Die seltsamen Hasenkinder-Puppen?

Die Hasenkinder mochte ich von Anfang bis Ende, das sind meine Lieblinge. Bei den Kostümen mag ich auch das Hasenbild sehr gern – diese Verbindung von so merkwürdiger beiger Hauskleidung, die sehr zeitlos daherkommt. Das in Verbindung mit den Hasenmasken und Schürzen gefällt mir sehr.

Hast du im Stück selbst eine Lieblingsszene? Was bleibt bei dir persönlich am Meisten hängen?

Als Gesamtszene mag ich die Filmszene nach der Pause am Liebsten. Es wechselte während der Proben immer wieder, was meine Lieblingsszene ist. Doch die Filmszene war eigentlich konstant in der Hitliste. Ich mag die Verbindung von Film und dem simultanen Bespielen der Bühne, auch der Hinterbühne sogar. Die Nahaufnahmen, die Ästhetik. Frank mit dem plötzlichen Baumstamm-Kopf, Uwe als einsamer Cowboy. Über die Szene freue ich mich immer sehr.

Von links nach rechts: Carlos Lobo, Friederike Tiefenbacher, Frank Genser, Merle Wasmuth, Julia Schubert, Frank Schmieder.
Von links nach rechts: Carlos Lobo, Friederike Tiefenbacher, Frank Genser, Merle Wasmuth, Julia Schubert, Frank Schmieder.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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