DER PROZESS – EINE BLOSSSTELLUNG IM OBEREN SCHAMBEREICH

Nach dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka
In einer Bearbeitung von Thorsten Bihegue und Carlos Manuel

Der Prozess

Spätestens seit wir wissen, dass Angela Merkels Handy abgehört wurde, ist der Begriff der Transparenzgesellschaft in unserem Bewusstsein angekommen: selbst unsere alltäglichsten Daten werden systematisch gespeichert, weitergeleitet und ausgewertet; nach dem Motto: Wer sich nicht transparent zeigt, hat etwas zu verbergen.

„JEMAND MUSS JOSEF K. VERLEUMDET HABEN.“

Die unfassbare Geschichte des fleißigen Bankangestellten Josef K. beginnt mit der Verhaftung am Morgen seines 30. Geburtstags, es folgt eine Verurteilung, von der niemand genaueres weiß. Da er zwar verhaftet, aber nicht eingesperrt wird, lebt er in ständiger Furcht, beobachtet und denunziert zu werden. Seine Mitmenschen, die Kollegen im Büro, die mit ihm befreundete Nachbarin, selbst der Advokat, der in seiner Sache recherchiert, scheinen ihm verdächtig, ihn noch weiter in Scham und Schuld hineintreiben zu wollen. Die Behörde, bei der er sich zu melden hat, ist am Stadtrand gelegen, ordentliche Gerichtsräume und verlässliche Beamte sucht man hier vergeblich. Auch wer hinter der Anklage steht, bleibt unersichtlich.

Der Prozess

„DAS GERICHT SUCHT DIE SCHULD NICHT IN DER BEVÖLKERUNG, SONDERN WIRD, WIE ES IM GESETZ HEISST, VON DER SCHULD ANGEZOGEN.“

Kafkas berühmter Roman macht die Erfahrung einer lebensfeindlichen und sich verselbständigenden Bürokratie geradezu körperlich spürbar: Wem kann ich vertrauen? Gegen wen muss ich mich durchsetzen? Und wann gilt es, sich besser anpassen? In einer Zeit, in der wir überall Spuren hinterlassen und in der die Wege unserer persönlichen Datentransfers kaum mehr zu durchschauen sind, scheinen die absurde Komik und die Ausweglosigkeit, die Kafkas unveröffentlichter Roman DER PROZESS erfahrbar macht, aktueller denn je.

Nicht umsonst benutzt der sich permanent verfolgt wähnende Josef K. allerorten theatralische Vergleiche, um die fremdgesteuerten Situationen zu entlarven. Jene Handlanger, die dazu abbestellt sind, K. zu begleiten, nennt er „alte, untergeordnete Schauspieler“, während er sich selbst, wie um sich zu beruhigen, sagt: „ist es eine Komödie, so wolle er mitspielen“. Noch zum Schluss fragt er seine vermeintlichen Widersacher: „An welchem Theater spielen Sie?“„Theater?“, fragen diese stutzig zurück. Szenerien, die dem Betrachter ihr In-Szene-setzen verraten sollen, um dessen Furcht davor, die Scham vor aller Öffentlichkeit zu verlieren, einzudämmen. „In der Schamkultur befindet sich das Subjekt in einem nie endenden Theaterspiel, in einer Szene von Projektion, Spiegelung und Rückspiegelung, das sich grundlegend vom Theater als Tribunal in der Schuldkultur unterscheidet.“, beschreibt Hans-Thies Lehmann das Problem der Bloßstellung der Scham. Der Beschämte „erlebt das Kollektiv der anderen als immerwachen argusäugigen Kontrolleur, der erbarmungslos die geringfügigste Abweichung von der Norm ahndet.“

Der Prozess

„WIE EIN HUND! ALS SOLLTE MICH DIE SCHAM ÜBERLEBEN.“

So lautet der letzte Satz des Josef K. Wer nun eigentlich die Herrschaft darüber besitzt, was noch als öffentlich und was als privat zu gelten hat, bleibt undurchschaubar, derweil dem Einzelnen die Freiheit zu deren Unterscheidung nicht mehr gegeben ist. In Anbetracht der gegenwärtigen Auswüchse der Transparenzgesellschaft für das Leben des Einzelnen schlussfolgert der Theaterwissenschaftler Jens Roselt: „In einer Gesellschaft, die Freiheit für ihr Markenzeichen hält, ist Scham ein probates Mittel der Kontrolle und Regulierung. Unser Leben hat werbespottauglich zu sein. (…) Freiheit heißt: wer die Norm nicht erreicht, ist selber schuld.“

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

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