VOM STAUBFÄNGER ZUR WELTLITERATUR: MOBY DICK ODER DER WAL

von Marina Biermann

Als Hermann Melville im Jahr 1851 seinen Roman Moby Dick oder der Wal veröffentlichte, wurde sein Werk vom Publikum und den Kritikern verrissen. Melville, bekannt geworden durch seine ersten beiden Romane Taipi und Umu, konnte den Erwartungen nach einem weiteren romantischen Südseeabenteuer nicht gerecht werden. Heute hingegen zählt Moby Dick zur Weltliteratur und zu den Klassikern des englischsprachigen Realismus. Zunächst verstaubte das 900 Seiten starke Werk jedoch jahrelang in der Walkundeabteilung der Yale-Universität. In den 1920er wurde es wiederentdeckt und hat seitdem viel Beachtung gefunden. Entlang der Geschichte um den Ich-Erzähler Ismael entspannen sich kaleidoskopartig zahlreiche philosophische, wissenschaftliche, kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse. Die Erzählung lebt außerdem von einer großen stilistischen Vielfalt, die sich von wissenschaftlichen Kapiteln, über dialogische Szenen bis hin zu inneren Monologen erstreckt.

MOBY DICK vs A.H.A.B. - All Heroes Are Bastards

Der Ich-Erzähler Ismael will aus seinem eintönigen Leben als Prokurist in New York ausbrechen. Er reist in die kleine Hafenstadt Nantucket und heuert dort auf dem Walfangschiff Pequod an. Die Mannschaft, die aus allen Teilen der Welt stammt, sticht in See. Erst nach einigen Tagen treffen die Matrosen zum ersten Mal auf ihren Kapitän: Ahab. Ahab will sich am weißen Pottwal Moby Dick rächen, der ihm einst ein Bein ausriss. Er schwört seine Mannschaft auf die Jagd nach dem weißen Wal ein und verspricht demjenigen, der ihn zuerst sichtet, eine Golddublone. Auf ihrer langen und beschwerlichen Reise quer durch die Weltmeere begegnet die Mannschaft anderen Schiffen und erlegt unterwegs viele Wale, bis sie vor Japan endlich auf Moby Dick trifft. Kapitän Ahab bläst zur Jagd: Doch am Ende des drei Tage währenden Kampfes rammt Moby Dick das Schiff, das mit Kind und Kegel untergeht. Nur Ismael kann von einem vorbeifahrenden Schiff gerettet werden.

Neben den Kapiteln, in denen es vornehmlich um die Geschichte um Ismael geht, finden sich viele Exkurse u.a. zum Thema Cetologie oder Walkunde. Melville greift hier auf seine eigenen Erfahrungen zurück, denn als Sohn einer verarmten Kaufmannsfamilie hat er selbst einige Jahre auf Walfangschiffen angeheuert, seine Reisen jedoch immer nach einiger Zeit wieder abgebrochen. Als Vorlage für den Roman dienten Melville u. a. die Aufzeichnungen eines Steuermannes des Walfangschiffes Essex, das 1820 von einem Pottwal gerammt wurde und unterging. Auf kleinen Booten trieben wenige Matrosen einen Monat lang auf dem Meer umher – einige von ihnen überlebten nur, weil sie kurzerhand ihre eigenen Kameraden aufaßen. Daneben ließ sich Melville von der Erzählung über den Wal Mocha Dick inspirieren, ein der Legende nach besonders wilder, weiß-grauer Wal, der vor der Küste Chile lebte. Außerdem dienten ihm Werke von Shakespeare und Goethe und die Leviathan-Symbolik des Buch Hiob und des Psalm 74 aus der Bibel als Anregung. In seiner Vielschichtigkeit und Bildhaftigkeit diente der Roman Moby Dick in den letzten 100 Jahren vielen Künstlern als Inspiration und Vorlage.

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