KAMPF GEGEN WINDMÜHLEN?

Wenn man Kapitän Ahabs Mission der Jagd nach dem weißen Wal Moby Dick bei Lichte betrachtet, drängen sich schnell Motivkomplexe auf: Rache, Wahn, Fanatismus – vielleicht ist es sogar eine Blaupause für terroristische Gruppen. Schaut man jedoch genauer, stellt sich die Frage, was hinter Ahabs Hass auf Moby Dick steht? Ist es nur der Rachegedanke – Auge um Auge, Zahn um Zahn? Aber warum will er Moby Dick dann gleich töten? Oder ist es der Wunsch nach Veränderung? Aber was kommt dann nach dem Tod des weißen Wals? Ist dann nicht sämtlicher Lebensinhalt des besessenen Kapitäns dahin?

MOBY DICK vs A.H.A.B. - All Heroes Are Bastards

Terroristische Gruppen scheinen sich ähnlich zu verhalten wie die Pequod: Sie haben ein ultimatives Feindbild, das bis aufs Blut bekämpft wird. Die Gruppe ist nicht selten bunt zusammengewürfelt aus irgendwie motivierten Menschen – und manchmal haben sie auch eine Vorstellung davon, wie es nach ihrem potentiellen Sieg gegen den Feind weitergehen soll. In jüngster Zeit scheint das Phänomen des Terrorismus immer stärker geworden zu sein. Doch ist dem tatsächlich so? Peter Waldmann, Soziologe und Terrorismusexperte, hat in seinem Buch Terrorismus. Provokation der Macht drei Typen terroristischer Gruppen klassifiziert: Die kleine Splittergruppe, die große, horizontal und vertikal organisierte und das Netzwerk, das sich meist aus vielen kleinen, verstreuten Zellen zusammensetzt. Gemein haben alle eine verschieden ausgeprägte Führerfigur. Doch gerade in netzwerkartigen Vereinigungen kommt ihnen mehr eine ideelle Funktion zu: Ein breit gestreutes Netzwerk wie das von Al-Qaida oder dem IS ist in seiner Komplexität gar nicht mehr von einem Menschen steuerbar – und das ist auch gar nicht gewollt. Ahabs Pequod ist in diesem Schema eher eine überschaubare Gruppe, in der sich alle persönlich kennen.

Doch was alle vereint, ist der Hass und die Ablehnung. Und das zeichnet nicht nur terroristische Gruppen aus. Oft finden sich auch an anderen Stellen Gruppen zusammen, die sich vor allem über die Ablehnung einer etablierten Instanz zusammenfinden und darüber definieren. Das können beispielsweise künstlerische Avantgarden sein, aber auch ganz einfache Fangruppen beim Fußballspiel. Aber wie weit ist der Einzelne dabei bereit zu gehen? Ist die Ablehnung eher verbal bzw. argumentativ ausgeprägt, in einem geschützten Raum? Wo liegt die Grenze? Nicht selten kommt es zu tätlichen Übergriffen aus einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehr Gruppen heraus. Der Grat ist manchmal schmal. Wo fängt Radikalität an? Und ist der Gegner einmal bezwungen bzw. löst er sich auf, folgt nicht selten die Auflösung der eigenen Gruppe. Das hat nicht zuletzt Pierre Bourdieu in seiner wegweisenden Studie über künstlerische Gruppen in Die Regeln der Kunst dargelegt.

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Es ist einfach etwas oder jemanden zu hassen. Sich einen Feind zu suchen. Aber ihn auch tätlich bekämpfen? Sind wir in unserer westliche aufgeklärten Gesellschaft nicht zu aufgeklärt dafür? Und ist der Wille nach Veränderung, der Wille zur Tat nicht selbst wieder domestiziert von der eigenen Reflexion, sodass er im Ansatz stecken bleibt? Oder fehlt es uns im Gegenteil manchmal an Aufgeklärtheit und Reflexionsfähigkeit, um Tendenzen zu kanalisieren, sie in gesunde Bahnen zu lenken?

Herman Melvilles Roman hat uns viel mehr zu erzählen als „nur“ eine Seefahrergeschichte.

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Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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