DAS PROBLEM NICHT ERFÜLLTER VERTRÄGE

Vor der Premiere sprach Dramaturg Dirk Baumann mit dem Regisseur Carlos Manuel über das Stück und sein Interesse daran.

Herr Manuel, Sie inszenieren die Deutsche Erstaufführung von Roman Sikoras „Das Bekenntnis eines Masochisten“ – ein Titel, bei dem man Einiges erwartet. Worum geht es genau in dem Stück?

Das Stück dreht sich um Herrn M., der zu Beginn des Stückes keine Erfüllung seiner sexuellen Begierde findet. Nicht in einer Beziehung, nicht bei einer Domina, gar nicht. Um dieses Manko zu kompensieren, geht er in die Welt und sucht die Erniedrigung in der Verausgabung. Er beginnt in seiner unmittelbaren Arbeitsumgebung, einer Werbeagentur, und stellt dort die Hierarchien um. Anschließend erweitert er sein persönliches Arbeitspensum, nimmt fünf Jobs gleichzeitig an (in einer Bank, auf dem Bau, …) und erkennt dann die Möglichkeiten und Zusammenhänge mit der Politik: Er unterminiert die Gewerkschaft und sorgt dafür, dass die Arbeitnehmer von ihren Forderungen nach mehr Geld und Freizeit abrücken und stattdessen Verständnis für ihre Arbeitgeber aufbringen. „Menschlich sein“ und „Politik für die Menschen“ lauten die Credos. Außerdem vertritt er einen harten staatlichen Sparkurs. Seine Reise endet in einem global-politischen Wettbewerb, einer Olympiade der Humanressourcen und schließlich in seiner persönlichen Hölle.

 

Das Bekenntnis eines Masochisten

 

Sind es also die „Perversionen“ des Herrn M., die im Zentrum stehen?

Die Perversion, wenn man sie so nennen will, ist der Ausgangspunkt. Sie ist im allgemeinen Sprachgebrauch immer sexuell konnotiert. In psychologischer Definition ist die Perversion aber nichts anderes als die Erfüllung eines Verlangens durch eine Ersatzhandlung. Ob diese Perversion dann moralisch oder politisch zu bewerten ist, hängt von der Umgebung der Handlung ab. Das ist überall so, ob es dabei um Liebe, Kindererziehung, Pegida-Demonstrationen oder Ankäufe von Staatsanleihen geht – bei allem handelt es sich, je nach Kontextualisierung, um die Erfüllung eines Verlangens oder um eine Perversion, je nach Standpunkt.

Ist der Protagonist Herr M. denn ein typischer Masochist?

Ein Masochist, anders als es meist verstanden wird, bestimmt die Regel seiner Beziehung zu einem „Meister“ selbst: Er bestimmt die Art und Weise der eigenen Unterwerfung, die dann in einem Vertrag festgehalten wird. Daher ist der Sadist entgegen der verbreiteten Meinung auch nicht sein Komplementärpartner. Der Masochist erscheint durch Masken, Fetische, den Tausch sozialer Rollen. Im Mittelpunkt einer masochistischen Beziehung steht immer ein Vertrag. Herr M. ist in dem Sinne ein „guter“ Masochist, als dass er die Erfüllung seiner Verträge verlangt, doch seine Partner erfüllen diese nie. Sie geben ein Versprechen, das sie am Ende nicht halten – weder im SM-Studio noch im Lager der Linken oder Rechten, die Politiker schon gar nicht. Darauf beruht sein Protest, der im Verlauf des Stückes immer wiederkehrt.

 

Das Bekenntnis eines Masochisten

 

Welche Rolle spielt dieser Protest?

Nicht die Form des Protests, der Grund des Protest ist es, der das Stück spannend macht: Das Problem nicht erfüllter Verträge. Dafür lassen sich zahlreiche Beispiele in unserer Politik und Gesellschaft finden: Wer soll noch an die Autorität eines Politikers glauben, der Schwarzgeldzahlungen annimmt und dann nicht sagt, woher er sie hat? Und als Konsequenz Finanzminister wird?

Aber eigentlich ist die Sache noch viel komplizierter: Der Protest selbst reicht nicht, um „das System“ zu ändern, weil der Protestierende – also wir alle – immer gleichzeitig Teil dieses Systems sind. Das System lässt Proteste zu, sie sind notwendig für dessen Erhalt und werden immer wieder von ihm inkorporiert, der Protestierende wird instrumentalisiert. Aber um wirklich etwas zu verändern, müssten wir ganz konkret bei uns anfangen, bei den alltäglichen Handlungen, die immer Ausdruck von Machtmechanismen sind.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Tschechien, wo das Stück geschrieben und uraufgeführt wurde, und Deutschland?

Ohne mich genau mit den tschechischen Verhältnissen auszukennen, würde ich sagen, dass der Humor barock ist, katholisch geprägt. Auch beruft sich Sikora mit seinem Untertitel Labyrinth der Welt oder Lusthaus der Peitsche auf ein Werk des tschechischen Pädagogen Johann Amos Comenius aus dem 17. Jahrhundert (Labyrinth der Welt oder Lusthaus des Herzens), da bewegt er sich schon in einer „tschechischen“ Tradition. Außerdem treten tschechische Politiker auf, das sorgt für unmittelbare Anbindung an die dortigen Verhältnisse, funktioniert hier aber nicht, wir mussten da einen Transfer schaffen. Natürlich gibt es auch thematische Parallelen, die begründet liegen in den Entwicklungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Ich bin der Überzeugung, dass der Arbeiter im real existierenden Sozialismus für den westlichen Arbeiter von Vorteil war. Der behauptete Arbeiter- und Bauernstaat hat ökonomisch gesehen seine politischen Träger ausgebeutet, während der westliche Arbeiter zum Konsument gemacht wurde. Mit dem Ende des Ostblocks wurde seinen Arbeitern ein Versprechen auf reale Demokratie, Bürgerrechte und ökonomische Teilhabe gegeben – das nicht gehalten wurde. Stattdessen gab es, und wird es immer geben, mehr Konsensdemokratie, Konsum sowie Überwachung und Kontrolle – hier wie dort.

 

Das Bekenntnis eines Masochisten

 

Es ist also ein Stück über die Verhältnisse von heute?!

Ja. In unserer hedonistischen Gesellschaft ist Freiheit Pflicht: „Sei frei und genieße“ oder aber „Empört euch!“ Man kann und darf fast alles machen, doch für den Fortbestand einer Gesellschaft muss man sich auch an bestimmte Regeln halten. Herr M. nennt das Halten an diese Regeln Demut. Aber in seinem Falle hält sich eigentlich niemand an diese Regeln. Für die Verteidigung unserer Freiheit „spielt“ die weltpolitische Führung in Paris eine Scheindemonstration auf der Straße, geschützt von Hunderten von Scharfschützen. Politiker sind gleichzeitig Vorstände in Privatunternehmen. Sogar im öffentlichen Dienst sind die Gehälter nicht öffentlich und alle reden von Freiheit, Toleranz, Demokratie und Recht. Für wen? Herr M. nimmt jedoch die Regel für bare Münze und wird dadurch ein potentieller Staatsfeind, der die Gesellschaft in Gefahr bringt. Durch die Vehemenz seiner Forderung, dass andere die versprochenen Regeln einhalten, wird er zu einer Gefahr, vor der letztlich die anderen geschützt werden müssen.

Fotos: Edi Szekely

 

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

Ein Gedanke zu „DAS PROBLEM NICHT ERFÜLLTER VERTRÄGE

  1. Ein Stück zum wach werden, großartig! − Unser “System“ macht uns zu „Arbeitstieren“, hält uns unterhalb der Schwelle eines wirklich menschlichen Lebens gefangen. Denn weil wir Arbeitslosigkeit, sozialen Abstieg … fürchten, werden wir erpressbar, lassen uns korrumpieren, geben unsere menschliche Würde: unsere Selbstbestimmung und Kreativität auf.

    Dies Stück gibt Gelegenheit, diesen Zusammenhang nicht weiter zu verdrängen, sondern sich dem endlich zustellen. Wir sollten uns die Definition von dem, was menschliche Arbeit sein soll und sein kann, nicht aus den Händen nehmen lassen. Geben wir unsere selbstquälerischen Spielchen auf, lassen wir unsere Ängste und unser Gefühl von Machtlosigkeit hinter uns und treten endlich in einen (Diskussion)-Prozess ein, an der möglichst viele beteiligt sind!

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